Nach Schuss in Dieburg: Ist der Täter ein Opfer seines Opfers ?

Dieburg – Es ist ein Freitag der 13., an dem der Wahn endgültig die Kontrolle über Ismail C. gewinnt. Am 13. November 2009 schießt er in Dieburg seinem Cousin mit einer Waffe in den Oberschenkel. Es ist der dramatische Höhepunkt einer langen und wirren Leidensgeschichte, die diese Woche das Landgericht Darmstadt beschäftigte. Von Norman Körtge

Oberstaatsanwalt Matthias Mackenthun war der Zorn anzumerken. „In meinen Augen haben sie für immer jegliche Glaubwürdigkeit verloren“, sagte er in seinem Plädoyer. Gerichtet waren die deutlichen Worte nicht an den Täter, sondern an das Opfer. An den Mann also, dem vor gut einem halben Jahr vor seinem Döner-Laden im Dieburger Industriegebiet in den Oberschenkel geschossen worden war. Mackenthun ärgerte sich über das laxe Verhalten des Ladenbesitzers, dessen Aussagen mehr als einmal im Widerspruch zu denen von Zeugen standen. Nicht nur bei Mackenthun blieb ein fader Beigeschmack zurück.

Ismail C. ist laut Gutachter schizophren

Unstrittig war, dass Ismail C. die Tat begangen hat. Fest stand auch, dass er dies im Zustand der Schuldunfähigkeit tat. Gutachter Rüdiger Müller-Isberner attestierte dem dreifachen Familienvater nicht nur eine reduzierte Intelligenz, sondern auch eine chronisch halluzinatorische Schizophrenie, die seit mehreren Jahren einen schleichenden Verlauf genommen haben muss. Dazu gehörte auch jene Stimme, die dem 31-Jährigen befohlen habe, seinen Cousin zu töten. „Ich habe mich vom Teufel verleiten lassen“, fasste C. die Tat in seine Worte. Da für Müller-Isberner fest steht, dass eine Heilung nicht möglich ist, bleibt C. in der Psychiatrie.

Täter könnte Opfer gewesen sein

Warum sich der krankhafte Wahn auf seinen Cousin fokussierte, gehörte zu den Sachverhalten, die das Gericht nicht klären konnte. Auch deshalb, weil der Ursprung in der frühen Jugend von Ismail C. und seinem Cousin liegen könnte, die beide in einem kleinen kurdischen Dorf in der Türkei verbrachten. C. mochte darüber öffentlich nicht sprechen, aber in den Vernehmungen hatte sich angedeutet, dass der heutige Täter ein Opfer gewesen sein könnte. Ein Opfer seines drei Jahre älteren Cousins. Der Begriff des sexuellen Missbrauchs fiel. Das bestritt der Cousin aber vehement. Und auf die Frage, ob er ihn früher geschlagen habe, antwortete er nur lapidar: „Alle Kinder haben sich geschlagen.“

Richter zweifelt an Glaubwürdigkeit von Ismail C.

Die Glaubwürdigkeit des Opfers wurde zudem in Frage gestellt, als es bestritt, etwas von geforderten Entschädigungszahlungen in Höhe von bis zu 50.000 Euro zu wissen. Später versuchte der Mann aber sich damit herauszureden, er wisse nicht, was die Familien in der Türkei machen. „Das ist Unsinn“, meinte Richter Volker Wagner.

Kommentare