Zahl der Klinik-Aufenthalte um 400 Prozent gestiegen

Nach Koma-Saufen kommt Koma-Kiffen

+
Wenn der Joint einen umhaut – die Gründe dafür sind vielfältig. Nur eines ist sicher: Die Zahlen steigen stetig an.

Region Rhein-Main – Die Zahl der Koma-Säufer ist rückläufig. Dafür scheint sich vor allem unter jungen Menschen ein Trend zu etablieren: Das Koma-Kiffen! Allein von 2000 bis 2014 gab es in Hessen einen Anstieg von etwa 400 Prozent bei den Klinik-Einlieferungen. Von Christian Reinartz

Lesen Sie außerdem den Kommentar: "Cannabis: Missbrauch bringt die Debatte in Schieflage"

An Jugendliche, die sich hemmungslos ins Koma saufen hat sich die Gesellschaft fast schon gewöhnt. Jahrelang gab es immer grausigere Meldungen von immer extremeren Besäufnissen. Mittlerweile gehen die Zahlen in großen Schritten zurück – während die Statistik an anderer Stelle besorgniserregend ansteigt: Beim Koma-Kiffen!
Allein im Jahr 2014 wurden in Hessen 1137 Menschen wegen dem Konsum von Cannabinoiden, zumeist wohl in Form von Marihuana aber auch in Form von synthetischen Cannabinoiden, umgangssprachlich auch als künstliches Cannabis oder Spice bezeichnet, ins Krankenhaus eingeliefert. Im Jahr 2000 waren es lediglich 230 Fälle. Seitdem steigt die Zahl kontinuierlich an. Ein Ende ist nicht in Sicht. Würde man die bisher nicht veröffentlichten, aber von Experten erwarteten Zahlen für 2015 zu Rate ziehen, ergibt sich eine Steigerung von 400 Prozent schon während der vergangenen zehn Jahre.

Manche Cannabissorten sind stärker als früher

Doch warum spricht man überhaupt vom Koma-Kiffen? Während man sich mit Alkohol in die Besinnungslosigkeit trinkt, sind die Auswirkungen eines extremen Cannabis-Rauschs vielfältiger, aber nicht weniger gefährlich. Sie reichen, so die Statistik, von starken Entzugssyndromen, wahlweise mit Delirium über psychotische Störungen bis hin zu akuten Vergiftungen. Eines haben alle Fälle gemeinsam: Sie brauchen dringend klinische Hilfe.

Wolfgang Schmidt-Rosengarten, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, glaubt zu wissen, was hinter den gestiegenen Zahlen steckt. „Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass manche Cannabissorten heute stärker als früher sind.“ Doch das alleine reiche als Erklärung nicht aus. „Es ist auch die Unkenntnis vieler Leute im Umgang mit Cannabis. Da kommt es dann schnell zu Unfällen wie etwa Überdosierungen“, sagt Schmidt-Rosengarten. Ebenfalls spielte die „Mutproben-Nummer“ eine Rolle. „Gerade junge Menschen wollen ihren Altersgenossen gern mal zeigen, was sie alles vertragen“, sagt der Experte. „Und dann klappen sie zusammen.“

Zahlen könnten sogar noch weiter steigen

Zudem gebe es zahlreiche Menschen, die am Wochenende Speed oder Extacy konsumieren. „Diese Leute rauchen dann unter Umständen Cannabis, um wieder runterzukommen.“ In einem solchen Fall ist der folgende Zusammenbruch aber nur Ergebnis des Drogenmixes.

Ebenfalls gebe es Menschen mit psychischen Störungen, etwa Ängsten, die das Cannabis zur Beruhigung einsetzten. „Auch hier besteht die Gefahr der Überdosierung“, sagt Schmidt-Rosengarten.

Auch, wenn die Zahl der Koma-Kiffer bei weitem nicht an die der Koma-Säufer heranreicht, muss man, so Schmidt-Rosengarten, die Entwicklung ernst nehmen. „Ich halte es nicht für abwegig, dass die Zahlen in Zukunft weiter steigen könnten.“

Cannabis heute nicht mehr ein größeres Tabu

Die Gründe dafür sieht er auch in einer gestiegenen Sensibilität beim Thema Drogen. „Früher war der Cannabiskonsum noch ein größeres Tabu. Wenn heute einer zusammenklappt, wird viel schneller der Arzt gerufen“, sagt Schmidt-Rosengarten. Das könne die Statistik in die Höhe treiben.

Dennoch hat der Suchtberater eine klare Botschaft: „Für uns gibt es da keinen Spielraum. Junge Menschen in der Entwicklungsphase des Hirns, etwa bis 22 Jahre, sollten in jedem Fall die Finger von Cannabis lassen.“

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare