Der Mythos muss weg

Aids-Hilfe-Landesverbandschef Klaus Stehling will normalen Umgang mit HIV-Infizierten

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Klaus Stehling, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Hessen, setzt sich gegen Vorurteile und für eine Normalisierung des Umgangs mit HIV-Infizierten ein.

Aids ist im Wandel. Aber noch immer herrschen Vorurteile und Diskriminierung. Klaus Stehling von der Aids-Hilfe Hessen kämpft für eine Normalisierung im Umgang mit der HIV-Infektion. Von Dirk Beutel 

Hat Aids in der Gesellschaft überhaupt noch die Aufmerksamkeit, die es in den 80er und 90er Jahren hatte?

Zum Glück nicht. Diese Qualität von Aufmerksamkeit war für uns nie attraktiv. Diese Aids-Hysterie war ja hauptsächlich davon geprägt, dass Politiker und Medien in einer Art und Weise über das Thema gesprochen haben, die stark diskriminierend war. Für unsere Prävention war das eher schädlich.

Man spricht heute von einem alten und einem neuen Aids. Wie ist das gemeint?

Menschen, die heute rechtzeitig von ihrer HIV-Infektion erfahren, haben die Chance, dass sie ein ganz normales Leben führen können. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird dann auf 75 Jahre geschätzt. Es ist aber nach wie vor ein hartes Stück Arbeit, Diskriminierung und Stigmatisierung abzubauen. Das sind dicke Bretter, die wir da bohren, und das ist nicht von einem Jahr aufs andere zu verändern. Wir wollen in den kommenden Jahren eine Normalisierung erreichen, dass Aids genauso wahrgenommen wird, wie jede andere chronische Krankheit.

Wurde durch eine verbesserte medizinische Behandlung der Umgang mit Aids nicht verharmlost?

Die Erfahrung machen wir nicht. Wer sich heute infiziert, für den ist die Diagnose immer noch ein einschneidendes Erlebnis. Es gibt Menschen, die empfinden ihre HIV-Infektion immer noch als Todesurteil, vor allem diejenigen, die schlecht informiert sind. Bei den Hauptbetroffenengruppen, schwulen Männern und Drogenkonsumenten, bemerken wir keine Verharmlosung. Studien belegen, dass mehr als 70 Prozent der befragten schwulen Männer in den letzten zwölf Monaten konsequent Safer Sex praktiziert haben. Dieses hohe Level würden wir bei heterosexuellen Männern nie finden. Das Bewusstsein für das Risiko ist also da. In der Allgemeinbevölkerung ist das Grundwissen, dass Kondome schützen, weit verbreitet. Ich persönlich glaube, dass die Bedrohung durch Aids in der Bevölkerung heute in einer angemesseneren Weise als noch vor zehn Jahren wahrgenommen wird.

Wie infiziert man sich in Deutschland überhaupt?

Etwa 75 Prozent der Neuinfektionenfinden in der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben statt. Wir haben etwa 15 Prozent von heterosexuellen Übertragungen, und wir haben um die fünf bis zehn Prozent Übertragung durch Drogengebrauch, also nicht sterile Spritzen.

Ihr Bundesverband hat eine provokante Plakatkampagne gestartet. Etwa mit der Aussage ,Aids ist auch nicht mehr das, was es mal war’.

Es geht darum, den Fokus darauf zu legen, dass Aids und HIV heute etwas ganz anderes bedeutet, als noch vor zehn, 20 Jahren. Das braucht eben auch mal eine Ansprache, die provokativer ist, damit es in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wird. Der Spruch ,Aids ist nicht mehr das, was es mal’ war verweist darauf, dass Aids, wie die Mediziner es sagen würden, heute eine vermeidbare Komplikation der HIV-Infektion ist. Denn der Ausbruch der Krankheit ist vermeidbar, wenn der Betroffene Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Insofern ist Aids nicht mehr dasselbe. Auch die Wahrnehmung der jüngeren Generation hat sich verändert. Nicht mehr als die spezifische Krankheit wird Aids wahrgenommen, sondern eher als Symbol, dass man sich im sexuellen Bereich vor Infektionen schützen muss.

Wie wird mit Menschen in der Gesellschaft umgegangen, die offen über ihre Erkrankung sprechen?

Leider erleben sie häufig auch heute noch Zurückweisung und Diskriminierung, sei es beruflich oder familiär. Etwa 66 Prozent der Betroffenen sind am Arbeitsmarkt tätig. Es gibt jedoch kaum Menschen, die sich am Arbeitsplatz outen. Auch hieran kann man ablesen, wie stark die Angst vor Diskriminierung noch immer ist.

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Hierzu trägt leider nicht zuletzt auch die Kriminalisierung der HIV-Infektion in Deutschland bei. Besonders ist der Umgang mit der Infektion für die Menschen, die ohnehin schon mit Randbedingungen konfrontiert sind, die das Leben sowieso schwerer machen würden. Dazu gehören etwa Traumata aufgrund von Flucht und Verfolgung, ein schwerer Krankheitsverlauf, Identitätsprobleme, Probleme der sexuellen Orientierung, psychische Probleme – wenn so ein Faktor zu einer HIV-Erkrankung dazukommt, geraten diese Menschen häufig in die Isolation. Eine große Rolle spielt das in bestimmten Migranten-Communitys. Dort gibt es ein hohes Bedürfnis an Geheimhaltung.

Gibt es Verpflichtungen von Erkrankten gegenüber nicht infizierten Menschen?

Das ist für die Aids-Hilfe problematisch, weil wir immer die Eigenverantwortung betont haben. Im sexuellen Kontakt wissen wir niemals sicher, ob jemand infiziert ist oder nicht. Wir haben in Deutschland immer noch einen Anteil von etwa 30 Prozent von Infektionen, die nicht diagnostiziert sind, diese Menschen wissen also gar nicht, dass sie infiziert sind und können es gar nicht mitteilen. Jeder muss für sich das Bewusstsein haben, dass es ein Risiko gibt und muss sich entsprechend verhalten. Die Erwartung, dass das nur die Positiven machen, geht immer schief. Wenn ich ein Maximum an Schutz will, muss ich selbst dafür sorgen.

Verschweigen oder offen mit der Infizierung umgehen – was raten sie Betroffenen?

Das kann man nicht generell beantworten. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir sagen, tut es dort, wo es für euch wichtig ist, und seid umsichtig, wie ihr damit umgeht.

Wie kann man die Lebensumstände dieser Menschen verbessern?

Die positive Community, gerade im Internet, ist für diese Menschen sehr wichtig. Dort finden sie Ansprechpartner, Erfahrungsaustausch, ein hohes Maß an Solidarität und Unterstützung. Die Bandbreite der Lebensumstände und der Erfahrungen mit HIV ist heute zum Glück schon sehr breit geworden. Wir müssen aber weiter daran arbeiten, Vorurteile und alte Bilder, diesen ganzen Mythos abzubauen. Das muss die gesamte Gesellschaft durchdringen.

Ist Aids überhaupt in den Griff zu kriegen?

Es wird immer Infektionen geben, da sind wir ganz nüchtern. Das wird sich erst ändern, wenn wir in der Lage sind, die Krankheit zu heilen, aber das ist im Moment nicht absehbar, genauso wie die Impfung. Wir dachten ja auch eine zeitlang, dass wir Tuberkulose endgültig von der Landkarte der Krankheiten streichen könnten und sehen heute, dass wir uns getäuscht haben.

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