Weil sich Verwandte nicht kümmern:

Mehr Muslime brauchen  Platz im Pflegeheim

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Den Gebetsraum in der Tagesbetreuung Gallus nehmen nicht nur Senioren in Anspruch. Hier betet auch Pflegerin Semra Yaman.

Region Rhein-Main – Die Zahl muslimischer Senioren in Deutschland steigt. Immer mehr Migranten gehen oder müssen in ein deutsches Pflegeheim. Denn von den typischen muslimischen Großfamilien, die sich selbst um ihre Alten kümmern, gibt es immer weniger. Von Silke Gottaut

Semra Yaman kniet auf dem Boden. Schaut in Richtung Mekka. Vor ihr goldene Verzierungen einer aufgemalten Gebetsnische. Doch die Pflegerin betet nicht in einer Moschee. Sondern im Gebetsraum der interkulturellen Tagesbetreuung im Frankfurter Stadtteil Gallus. „Hier gibt es keinen Alkohol und kein Schweinefleisch zu essen“, sagt Karsten Ruddies, Koordinator Tagespflege vom Frankfurter Verband. „Wir nehmen Rücksicht auf andere Kulturen. Unser Haus hat einen multikulturellen Ansatz.“ Dieser Ansatz hat gerade im Rhein-Main-Gebiet eine immer größere Bedeutung gewonnen. Der Bedarf ist einfach da. Denn immer mehr Muslime, die in den sechziger und siebziger Jahren nach Deutschland kamen, um hier zu arbeiten, sind inzwischen alt und gebrechlich geworden. Sie sind pflegebedürftig.

Bedarf an Pflegeheimen für alle Glaubenzugehörigkeiten ist größer geworden

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Dies bestätigt Enis Gülegen, Vorsitzender der kommunalen Ausländervertretung Frankfurt: „Der Bedarf an Pflegeheimen für alle Glaubenszugehörigkeiten ist größergeworden. Denn die typischen Großfamilien, die traditionell die Pflege übernommen haben, gibt es kaum noch.“ Für Gülegen ist klar, dass auch Muslime auf ihre kulturspezifische Bedürfnisse kommen müssen. „Ein Heim ohne Gebetsraum ist abschreckend“, sagt sie. Nicht nur in der Tagesbetreuung Gallus können Menschen nach muslimischen Glauben ihre Lebensgewohnheiten leben. Sondern auch im Victor-Gollancz-Haus in Frankfurt-Sossenheim. „In dem Heim können sie ihren Traditionen folgen.“ Doch nicht nur das Essen und Beten spielt eine bedeutende Rolle, sondern auch die Sprache. „Die Sprache ist Vermittler der Kultur“, sagt Gülegen. Aus diesen Gründen arbeitet auch Pflegerin Semra Yaman in der Tagesbetreuung Gallus. Sie ist Türkin und kann sich somit mit den türkischen Senioren in ihrer Heimatsprache unterhalten – und auch zusammen beten. Von Pflegerinnen wie Yaman wünscht sich Helga Giardino vom Ausländerbeirat Dietzenbach noch mehr: „Sie kennen sich mit der Kultur aus und sprechen die selbe Sprache. Das ist sehr wichtig.“

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