Wir sprechen Neu-Hessisch!

Mundart-Alarm: Unser Hessisch ist nur eine Kompromiss-Sprache

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Mundart gehört zum Rhein-Main-Gebiet wie der Bembel zum Ebbelwoi. Doch Sprachforscher sagen: Der alte Dialekt wurde längst durch eine neue Sprechweise ersetzt.

Region Rhein-Main – Die Hessen sind stolz auf ihren Dialekt. Er ist mit Erinnerungen und Heimat verbunden. Doch die wenigsten wissen, dass rund um Frankfurt nur noch eine Kompromiss-Sprache gesprochen wird. Von Franziska Jäger

Lesen Sie dazu außerdem den Kommentar: "Babbelt doch net!"

Das, was Maddin Schneider, Bodo Bach und Mundstuhl da babbeln, muss doch Hessisch sein. Es klingt schnoddrig, irgendwie ungehobelt – und ist auch für Nicht-Hessen gut zu verstehen. Doch echter, ursprünglicher Dialekt ist das schon lange nicht mehr. Stattdessen hat sich ein Mischmasch entwickelt, der als Neuhessisch bezeichnet wird. Von wegen lange Tradition!
Neuhessisch – das ist der wissenschaftliche Begriff für das Fernseh-Hessisch, das vor allem Nicht-Hessen für den urtümlichen Dialekt schlechthin halten. Entstanden ist der Sprach-Mix im Rhein-Main-Gebiet. Und: Er hat dort den alten Dialekt längst geschluckt.

Im Vordergrund steht die Verständlichkeit

„So wie vor 200 Jahren spricht in Frankfurt und Umgebung niemand mehr“, sagt der Marburger Sprachforscher Heinrich Dingeldein. Der Kompromiss aus leicht verständlichem Südhessisch und Standardsprache hat sich mit Entstehung der Industrie- und Ballungszentren rund um Offenbach verbreitet. Zuzüge bäuerlicher Bevölkerung – etwa aus der Wetterau oder dem Vogelsberg – führten zur Entstehung einer Einheitssprache. „Neuhessisch ist moderner, dem Schriftdeutschen näher“, sagt Dingeldein. Das verstärkte Betonen etwa des „sch“ sei eine neuzeitliche Entwicklung. „Die Herkunft dieser Umgangssprache ist noch erkennbar. Im Vordergrund steht aber die Verständlichkeit.“

Seit den Sechzigern haben bekannte Hessen wie Wolf Schmidt mit seiner Familie Hesselbach oder Heinz Schenk und der Blaue Bock über das Fernsehen die Entwicklung einer Dialektsprache, die überall verstanden wird, regelrecht forciert. Vorurteile inklusive. „Hessisch wird doch heutzutage auf Fastnacht und Komik beschränkt. Ein hessisch sprechender Tatortkommissar – das wäre undenkbar“, sagt der Offenbacher Mundart-Verfechter und Theaterschauspieler Oliver Lemki, der es als Besonderheit verbucht, wenn er heute noch richtiges Offenbacher Platt hört.

Sprache braucht keine Pflege

Dabei hält sich laut Sprachforscher Dingeldein das Südhessische unter den Dialektformen in Hessen noch wacker. Das Niederhessisch südlich von Kassel oder das Osthessisch rund um Fulda? „Alles stark bedroht“, sagt Dingeldein. Grund seien die heute breiter aufgestellten Gemeinschaften und die schon im Kindergarten beginnende Sprachförderung. „Sprache lässt sich nicht ins Museum stellen, sie verändert sich eben kontinuierlich“, erklärt Dingeldein. In erster Linie dient sie der Kommunikation und der Identifikation. Oder anders: Wenn im Ausland am Flughafen plötzlich jemand so spricht, wie man´s von zuhause gewohnt ist, fühlt man sich gleich wohler. Dialekt ist mit Emotionen, Erinnerungen an die Kindheit und Heimat verbunden.

Henni Nachtsheim, eine Hälfte des Kult-Duos Badesalz, kann da nur zustimmen. Dass jemand seine Mundart unter der Kategorie Neuhessisch verbucht, dagegen wehrt er sich allerdings entschieden: „Wir haben damals nicht darüber nachgedacht, wie wir bei Badesalz Hessisch sprechen. Unser Hessisch ist regionsbezogen – und das Frankfurterisch ist einfach am verständlichsten.“

Dingeldein beschwichtigt: Jemandem, der Neuhessisch spricht, könne man nicht vorwerfen, er spräche keinen richtigen Dialekt mehr. „Sprache braucht keine Pflege. Sie pflegt sich selbst, weil sie Notwendigkeiten erkennt und darauf eingeht.“ Manchmal kommt dann so etwas wie das Neuhessische heraus.

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