Bis zu 1000 Delikte bleiben ungesühnt

Mord und Totschlag: Frankfurt professionalisiert Leichenschau

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Zu viele Fehler in der Vergangenheit: Das Verfahren bei der Leichenschau soll sich in Frankfurt jetzt ändern.

Frankfurt – Weil die Begutachtung Toter bisher aus Zeitmangel der Ärzte stiefmütterlich gehandhabt wurde, werden pro Jahr rund 1000 Tötungsdelikte nicht aufgeklärt. Deshalb wird die Leichenschau jetzt in Frankfurt professionalisiert. Damit ist die Metropole deutschlandweit Vorreiter. Von Janine Drusche 

Polizeipräsident Gerhard Bereswill, Stadtrat Stefan Majer, René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamts, Jürgen Graf, Ärztllicher Direktor der Uniklinik, und Marcel Verhoff, Direktor der Rechtsmedizin der Uniklinik, erklärten am Freitag in einer Pressekonferenz das neue Modell der Leichenschau in Frankfurt.

Stirbt ein Mensch, muss ein Arzt bei der sogenannten Leichenschau klären, ob die Todesursache natürlich ist, oder ob möglicherweise Unklarheiten bestehen. „Besonders wenn die Polizei involviert ist und schon ein Verdacht vorliegt, dass der Tote durch Fremdeinwirkung gestorben sein könnte, ist die Leichenschau wichtig“, so Stadtrat Stefan Majer am Freitag. Ob aus Zeitmangel oder fehlender Sorgfalt: Bisher wurde die Leichenschau offenbar viel zu oft nur stiefmütterlich abgearbeitet. Eine genaue Vorschrift, wie die Schau zu erfolgen habe, gibt es bisher nicht. „Dadurch kommt es deutschlandweit zu rund 1000 Fällen jährlich, bei denen eine Fremdeinwirkung in der Todesursache nicht aufgedeckt wird“, sagt Professor René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamts. Deshalb sei eine klare Regelung der Leichenschau dringend nötig. Und das testet die Stadt Frankfurt zusammen mit Uniklinik und Polizei jetzt ein Jahr lang aus. Die Kosten dafür: Zunächst 100.000 Euro. Schon seit 2. Januar läuft das Pilotprojekt zur Neuregelung der Leichenschau am Institut für Rechtsmedizin der Goethe-Uni.

Zukünftig soll das neue System Zeit und Geld sparen und dabei auch noch genauere Ergebnisse erzielen. Da eine ausführliche Leichenschau oft mehrere Stunden dauern kann, führte das in der Vergangenheit oft zu Verzögerungen am Tatort. Allein die durchschnittliche Wartezeit auf einen entsprechenden Mediziner betrug im vergangenen Jahr rund zwei Stunden pro Fall. „Das werden wir künftig verhindern“, verspricht Majer.

Jede Leichenschau, die nicht vom Hausarzt übernommen wird und die außerhalb des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung liegt, läuft nun automatisch über das Institut für Rechtsmedizin statt über einen hinzugezogenen Arzt. „Es sind also erfahrene Mitarbeiter, die sich mit der Untersuchung von Leichen auskennen und sich die Zeit dafür nehmen können“, sagt Jürgen Graf, Ärztllicher Direktor der Uniklinik.

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Das gefällt auch Polizeipräsident Gerhard Bereswill: „Durch die Neuregelung werden die Wartezeiten der Beamten verkürzt und so Ressourcen für die Streifen gewonnen.“ Denn: Allein durch die Warterei verliere die Polizei in Frankfurt etwa 1700 Stunden jährlich, was einer ganzen Beamten-Stelle entspreche. „Die Leichenschau durch Gerichtsmediziner wird die Qualität jetzt erhöhen, wodurch die kriminalistische Ermittlungsarbeit auch erleichtert wird“, sagt Bereswill. Das Projekt scheint bisher zu funktionieren: In den ersten zwei Wochen wurden bereits 25 Leichen in der Rechtsmedizin begutachtet: Drei davon waren verdächtige Todesfälle.

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