Radamés Eger hat neue Heimat in Frankfurt gefunden

Von der Favela in die Bankenstadt: Brasilianer gründet eigenes Modelabel

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Radamés Eger nennt Frankfurt seine Heimat und Jack-Russel-Terrier Ludwig ist seit sechs Jahren sein ständiger Begleiter.

Frankfurt – Radamés Eger führt ein Leben voller Kontraste: Aufgewachsen in einem der ärmsten Viertel Brasiliens, schneidert er heute seine eigene Mode und hat ausgerechnet in der Bankenstadt Frankfurt seine wahre Heimat gefunden. Von Angelika Pöppel 

Radamés Eger hat mit seinen 30 Jahren schon ein Leben für zwei Menschen geführt. Glück und Talent führten ihn aus der Armut über viele Umwege in seine neue Heimat Frankfurt. Als Kind hatte er selbst kaum etwas anzuziehen – heute entwirft er seine eigene Mode.

1984 kam er in der kleinen Stadt Piracicaba, in São Paulo in Brasilien zur Welt. Sein Zuhause war das Armutsviertel – die sogenannten Favelas – in denen Bandenkriege, Kriminalität und Mord auf der Tagesordnung stehen. „Alle meine Freunde aus der Kindheit sind heute tot“, muss der Brasilianer feststellen. Der Vater verließ die Familie früh, seine Mutter fütterte ihn und seine acht Geschwister irgendwie durch. „Es war eine sehr schwere Zeit für meine Mutter“, weiß Eger. Auch weil er immer anders war als seine Brüder. „Ich wollte tanzen und schneiderte schon damals an meinen Klamotten herum“, erinnert er sich. Dafür war aber im Leben der Mutter – zwischen Zuckerrohr-Plantage und kreischenden Kindern – kein Platz. Mit seinen Problemen war er als Kind allein. „Sie hatte wenig Verständnis für mich.“ Schlimmer wurde es als der Teenager seine Homosexualität entdeckte. „So etwas gab es für meine Mutter nicht. Ich war damals sehr verletzt und voller Hass. Heute verstehe ich sie besser“, sagt der 30-Jährige.

Vom Ballett zum Modedesign

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Seine Trauer tanzte sich Eger in Clubs von der Seele – und der Tanz öffnete ihm auch das Tor in eine neue, bessere Welt. Mit 19 Jahren ließ er seine Familie zurück, weil er als Ballett-Tänzer mit einem Stipendium an die Wiener Oper ging. Wegen einer Verletzung musst er aufhören und ließ sich treiben: Die Liebe zog ihn nach Spanien, dann ging es nach Paris und London. Vor neun Jahren zog ihn ausgerechnet das Techno-Festival „Love Parade“ nach Berlin. Eine ganze Zeit lang streift er durchs Nachtleben, arbeitet als Zeitungsausträger, Küchenhilfe, in einer Sauna, in der ihm der Besitzer sogar einen Schlafplatz bietet. Und wieder ist es die Liebe, die ihn weiterziehen lässt. Neues Ziel: Frankfurt. Und seine neue Heimat bietet ihm endlich die Möglichkeit, dass zu machen, wo von er schon immer geträumt hat: Er darf das Schneiderhandwerk in einer gemeinnützigen Einrichtung lernen. Mittlerweile hat er ein Atelier und arbeitet an seinem eigenen Label „Radames Eger Couture“. „Ich habe Menschen kennengelernt, die an mein Talent glauben und mich unterstützen. Ich kann manchmal selbst nicht fassen wie viel Glück ich habe“, sagt der Brasilianer.

Kein Pelz, kein Leder

Vielleicht ist es auch seine positive Ausstrahlung oder seine Überzeugung, die den Modedesigner voranbringen. Pelz und Leder lehnt er strikt ab. Schon im Mai will er im Rahmen einer Anti-Tierversuch-Demo seine ersten Entwürfe bei einer Modenschau präsentieren – 2016 soll seine komplette Kollektion erscheinen. Und auch einen überraschenden Auftrag hat er an Land gezogen: Für den bekannten DJ Dominik Eulberg hat er 200 Kapuzen-Pullover entworfen, die noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.

Radamés Eger schaut nur nach vorn und hat auch seine Vergangenheit aufgeräumt. Vor einigen Jahren besuchte er seine Mutter in Brasilien. „Auch wenn die Wunden noch verheilen müssen, habe ich ihr verziehen“, sagt Eger, der in Frankfurt endlich angekommen ist. „Frankfurt ist die Heimat, die ich immer gesucht habe.“

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