Es kann jeden treffen

Experte gibt Tipps gegen Mobbing

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Mobbing kann jeden jederzeit treffen. Besonders am Arbeitsplatz oder in der Schule kann es für das Opfer sehr belastend sein.

Mobbing kann jeden jederzeit treffen. Auch scheinbar starke Menschen. Lothar Drat, Sozialpädagoge und Gründer des Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing rät: Gar nicht in die Opferrolle geraten. Von Dirk Beutel

Lästern, Pöbeln, Bedrohen – wie lässt sich Mobbing überhaupt genau definieren?

Dabei handelt es sich um feindselige, systematische, demütigende Handlungen über einen längeren Zeitraum mit dem Ziel, jemanden aus dem Arbeitsverhältnis zu verdrängen. Aber diese Grundsätze gibt es auch im Privaten, etwa im Verein.

Welche Arbeit übernimmt ihr Verein?

Der bundesweite Fachverbund des Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing besteht fachbereichsübergreifend aus Psychologen, Sozialpädagogen und Rechtsanwälten, in enger Kooperation mit medizinischen sowie psychotherapeutischen Fachkräften. Der Start unserer Arbeit ist die sogenannte Erstberatung. Wir brauchen in der Regel etwa eineinhalb Stunden um festzustellen, in welchem Prozess befindet sich die Person, die zu uns kommt. Danach wird vor dem Hintergrund der Zielsetzung des Klienten der erste geeignete Schritt zu einer vernünftigen Strategie entwickelt.

Wie könnte so eine aussehen?

Die können ganz unterschiedlich sein. Wir geben das Ziel ja nicht vor. Zunächst gilt es, sauber zu klären, was ist der Person vorrangig wichtig. Der Verbleib am Arbeitsplatz und eine Verbesserung der Situation oder aber wenn man es mit den Worten von Giovanni Trapattoni sagen will ‘Ich habe fertig’, nur noch mit einem guten Ergebnis aus dem Arbeitsverhältnis herauszukommen.

Wenn ich nun aber selbst Mobbing-Opfer bin – was raten Sie mir?

Zunächst mal schauen, was sind denn das genau für Angriffe, und was könnte diese Person zu diesen Handlungen veranlassen. Einer der erfahrensten Mobbing-Berater sagt immer ‘Stell dich in die Schuhe deines Gegners’, um genau zu erfühlen, welche Motive dahinterstecken könnten.

Eine Methode könnte doch auch einfach sein, seinen Widersacher zu ignorieren?

Das kann im Einzelfall effektiv sein. Solange es sich um unsystematische plötzlich auftretende Anfeindungen oder Hänseleien handelt. Wenn es aber systematische Angriffe sind, also jemand planmäßig vorgeht, kann dies auch zu einer Eskalation führen. Es gibt keine Rezeptur gegen Mobbing.

Die Rolle ist zudem mit Scham behaftet. Wer gibt schon gerne zu, Opfer von Mobbing-Attacken zu sein. Was kann man da tun?

Eins der Hauptanliegen in der Erstberatung ist, wenn sich jemand als Mobbing-Opfer fühlt, man ihn durch Coaching aus dieser Rolle befreit und ihm bewusst macht, lediglich ein Betroffener zu sein. Wenn man betroffen ist, hat man ein Problem und überlegt sich, was man dagegen unternehmen kann. Wer sich zum Wurm macht, darf sich nicht wundern, dass andere auf ihn treten. Aber auf den ersten Blick ist es gar nicht so leicht festzustellen: Steckt man in einem normalen Konflikt, einem Konflikt der eskaliert ist, oder hat man es mit unangenehmen Zeitgenossen und Mobbing zu tun.

Was entscheidet darüber, ob jemand gemobbt wird, oder nicht?

Das ist so vielfältig. Es wird sie überraschen, dass die größte Schnittmenge der Personenkreis ist, von dem man denkt, er könne gar nicht in so einen Prozess hineingeraten. Der größte Prozentsatz, etwa 40 Prozent, sind Personen die erfolgsorientiert, leistungsstark, kreativ oder vielleicht sogar zuvor als die Besten in der Gruppe oder Abteilung aufgefallen sind. Diese Personen können auf Neider treffen, auch im privaten Bereich. Bei den anderen 60 Prozent finden wir alle Persönlichkeitstypen und auch eine kleine Schnittmenge von Personen, die schon immer Probleme hatten, sich durchzusetzen, ein wenig ängstlich oder unangenehm aufgefallen sind.

Hat sich die Intensität der Mobbing-Attacken im Laufe der Zeit verändert?

Nein, da herrscht Konstanz. Von den verschiedenen Angriffsmöglichkeiten sind die an oberster Stelle, die zum Ziel haben, dass man gezielt Gerüchte verbreitet, bis hin zu verleumderischen Inhalten, im Extremfall geht so etwas bis zum Rufmord. Das sind zwei Drittel aller Mobbing-Handlungen. Der äußere Rahmen ist heute anders. Viele Sachen werden heute über das Internet in die Welt gesetzt. Die Möglichkeiten sind leichter geworden.

Vor Jahren ging es auf Seiten wie www.isharegossip.com unter Schülern richtig zur Sache. Sind solche Seiten ein vorübergehendes Phänomen oder könnte sich so etwas jederzeit wieder ereignen?

Durch Gegenmaßnahmen, die seit damals ergriffen worden sind, ist ein wenig Beruhigung eingetreten. Man ist vorsichtiger geworden. Die Möglichkeiten gegen Cybermobbing vorzugehen sind auch größer geworden. Es gibt sehr aufmerksame öffentliche Stellen, die sich mit der Kriminalpolizei zusammenschließen. Natürlich wird man immer hinterherlaufen, wenn sich wieder eine ähnliche Seite entwickeln würde, aber der Blick ist geschärfter.

Haben Arbeitgeber, Schulleiter, oder Lehrer auch diese geschärften Augen?

Ja und Nein. Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass Institutionen, die besonders von Konflikten oder Mobbing-Prozessen betroffen sind, häufig nach außen kommunizieren, dass es bei ihnen kein Mobbing gibt.

Mobbing macht vor dem Alter nicht halt. Sind auch Senioren betroffen?

In unserem Beratungs-Alltag finden sich wenig Senioren. Wenn überhaupt, dann wenn es sich um Nachbarschaftsmobbing handelt.

Wohnraum wird in dicht besiedelten Gebieten immer begehrter. Viele lassen ihre Immobilien luxussanieren, um bei den Mieten draufzuschlagen oder zahlungskräftigere Mieter anzuziehen. Nimmt das Mieter-Mobbing zu?

Ja, da gibt es eine Reihe von Beispielen, vor allem aus dem Berliner Raum. Eine erschreckende Entwicklung.

Angeblich sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Warum ist das so?

Ich bezweifle das. Ich glaube, dass Männer ein größeres Problem haben und in den nächsten Jahren haben werden. Männer gehen nicht so schnell zu einem Berater, Therapeut oder Arzt. Von daher erscheint im Umkehrschluss in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck, Frauen sind wesentlich häufiger betroffen. In der Tat denke ich, dass die Häufigkeit, wie die Form der Attacken nahezu identisch sind. Forschungsergebnisse haben das bestätigt. Hinzu kommt, dass Frauen häufiger in den Bereichen arbeiten, in denen Mobbing etwa sechsmal so oft vorkommt. Dies ist vorrangig der soziale Bereich und das Gesundheitswesen. So entsteht aus den beiden vorgenannten Gründen in den Statistiken ein ungenaues Bild.

Hier! Erfahren Sie mehr über den Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing

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