Frankfurter halten Mahnwache ab

Fenster raus: Mieter der Wingertstraße werden rausgeekelt

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Thomas Heinzelmann-Ekoos wendet sich per Megafon an die Versammelten, daneben Ulli Nissen.

Frankfurt - Herausgerissene Fenster, aufgehebelte Türen: Mit dem Verkauf der Wingertstraße 21 begann für die Mieter der Horror. Doch statt sich von den neuen Eigentümern aus ihren Wohnungen vertreiben zu lassen, machen sie gegen die Spekulanten mobil.

Vor dem eingerüsteten Haus mit den Transparenten „Wir sind auch Frankfurt“, „Wir bleiben!“, „Haus- und Lebensgemeinschaft Wingertstr. 21“ hat sich am vergangenen Samstagmittag eine Gruppe von Menschen versammelt. Immer mehr kommen, wollen wissen, was da los ist. Zwei kleine Tische sind aufgestellt, „Anti-Gentri(fizierungs)-Marmelade“ süß-sauer wird angeboten, ein leuchtend fliederfarbenes Sparschwein steht für Spenden bereit, eine „Frankfurter Erklärung“ kann unterzeichnet werden.

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„Schutz bedeutet Öffentlichkeit. Deshalb sind wir hier“, sagt Volker Marx, Mitglied im Ortsbeirat vier (Bornheim, Ostend). Er erlebe zum vierten Mal, wie Mieter vertrieben werden, ist in der Nachbarschaftsinitiative NBO (Nordend, Bornheim, Ostend), die sich gegen Mietervertreibung stark macht, engagiert.

Das vierstöckige Gebäude in der Wingertstraße 21 bis 23 wurde 1958 fertig gestellt und gehörte der Familie Ried. Die Erbengemeinschaft konnte sich nicht einigen, verkaufte 2013 an Rohleder & Paz GbR. Von da an änderte sich alles. Die neuen Eigentümer wollen das für zehn unterschiedlich große Wohnungen gedachte Haus aufstocken und sanieren lassen und dann weiterverkaufen. Höchst gewinnbringend natürlich. „Obwohl das Haus noch vermietet ist, wurde schon eine Baugenehmigung erteilt“, erklärt Thomas Heinzelmann-Ekoos. Er wohnt mit seiner Familie seit 1999 in der Wingertstraße 21, ist Vorsitzender des im April 2014 gegründeten Vereins „Wingertstr. 21“.

Oberbürgermeister kennt die Lage

Andreas Hannemann, Pfarrer der benachbarten Nord-Ost-Gemeinde, sagt: „Ich habe mit meiner Familie selbst vier Jahre in der Wingertstraße 21 gelebt. Was dort läuft, ist beschämend.“ Der Artikel 14 des Grundgesetzes, Absatz zwei – „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – bedeute auch, Verantwortung zu übernehmen, ergänzt Hannemann.

Doch was in der Wingertstraße laufe, seien Schikanen: Bäume wurden gefällt, Kellertüren ausgehebelt, Fenster herausgerissen – und das in der kalten Jahreszeit. Noch sind sechs Mietparteien im Haus, sehen sich nicht nur als gute Nachbarn, sondern als Lebensgemeinschaft, wollen durchhalten, gemeinsam. Thomas Heinzelmann-Ekoos freute sich über den Besuch des Oberbürgermeisters am Vortag: „Peter Feldmann gibt dieser Sache sein Gesicht.“ Heinzelmann-Ekoos weiß, dass sich das Problem nicht rechtlich lösen lässt, sondern eine politische Entscheidung getroffen werden muss. Frankfurt müsse sich bekennen, Sozialgefüge dürften nicht Spekulanten zum Opfer fallen. In der Wingertstraße gebe es eine gute Gemeinschaft, auch aus den neuen Wohnungen auf dem Gebiet der ehemaligen Naxoshalle erfahre man Solidarität. „Stress ist leichter zu ertragen, wenn er auf mehrere Schultern verteilt ist“, sagt Heinzelmann-Ekoos und wendet sich über Megafon an die Versammelten. „Wir werden oft gefragt, warum wir uns das antun. Und wir antworten: Wieso tut ihr das nicht?“

Kaum rechtliche Mittel gegen kalte Entmietung

Das Fatale an der Sache sei, dass eigentlich niemand etwas falsch mache, denn die Auswüchse kalter Entmietung seien mit rechtlichen Mitteln kaum zu fassen. „Aber wenn die Milieuschutzsatzung hier nicht greift – wozu brauchen wir sie dann?“, fragt der Engagierte und verkündet: „Wir halten durch und lassen uns nicht rausekeln!“

Auch die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen ist da. Sie war bereits im Februar 2014 von den Zuständen im Haus entsetzt, begleitet seitdem die Aktiven, selbst der Bundestag kennt nun die Lage in der Wingertstraße 21. „Danke für euer Engagement, ihr habt ein Zeichen gesetzt und sagt: ‚Mit uns nicht!’“

Miteigentümer Paz hätte ihr auf ihre Frage, warum im Winter die Fenster herausgerissen worden seien, geantwortet, dass er noch nicht einmal mit der Entmietung angefangen habe. Nissen forderte von der hessischen Landesregierung, den Aufkauf unter Genehmigungsvorbehalt zu stellen. Die Kündigungsfristen bei der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen seien wieder auf zehn Jahre festzulegen. „Es ist empörend, wie man mit Menschen umgeht. Lasst euch nicht vertreiben!“, ruft sie den Versammelten zu.

Die Sängerin Lorelay unterstützt die Kundgebung mit ihrem Lied „Luxussanierung“, Stadtverordneter Sieghard Pawlik betont: „Solidarität ist wichtig. Was in der Wingertstraße 21 passiert, geht uns alle an.

jf

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