„Cyberkriminalität wird immer noch unterschätzt“

Chef von „Deutschland sicher im Netz“ warnt vor digitaler Sorglosigkeit

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Zuletzt wurden große Hackerangriffe wie auf die Bundesregierung und Zulassungsbehörden in der Region öffentlich.
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Um sich vor Kriminalität zu schützen, nimmt die Überwachung im Internet zu. Hackerangriffe, wie auf den Bundestag nimmt man aber ruhig hin. Michael Littger, Geschäftsführer des Vereins „Deutschland sicher im Netz“, spricht über die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit im Netz. Von Dirk Beutel

Das Computersystem der Bundesregierung und des Bundestages wurden von einem Hackerangriff getroffen. Zeigt der Fall nicht, wie wehrlos und rückständig Deutschland bei der IT-Sicherheit ist?

Vier von fünf Cyberangriffen könnten abgewehrt werden, wenn Menschen nur die Grundregeln sicheren Verhaltens im Netz beachten würden. Die meisten Angriffe finden dabei über arglose Menschen statt, die beispielsweise fremde USB-Sticks in ihre Rechner stecken oder Bilder in Mails öffnen, deren Absender sie nicht kennen. Es ist nicht auszuschließen, dass auch der Angriff im Bundestag über ein solches Vorgehen erfolgt, das wir „Phishing“ nennen. Gegen solche Gefahren kann die Sensibilisierung von Menschen ein Stück weiter helfen.

„Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen“, twitterte der SPD-Innenminister von Baden-Württemberg Reinhold Gall, um seine Meinung zur Vorratsdatenspeicherung zu erklären. Verlieren wir auf lange Sicht immer mehr unsere Freiheitsrechte zugunsten einer immer vermeindlich sicheren Welt?

Bürger können sich vor Kriminalität im Netz ein großes Stück selbst schützen, wie auch vor Wohnungseinbrüchen. Sicherheit ist auch eine Verantwortung jedes Einzelnen. Zum Vergleich: Selbst eine perfekte Straßenverkehrsordnung erfordert, dass der einzelne Teilnehmer aufmerksam ist, um Schäden zu vermeiden. Dennoch muss der Staat dafür sorgen, dass Kriminialität im Netz geahndet oder von möglichst verhindert wird. Deshalb gibt es eine Debatte darüber, wieviele Daten der Staat erfassen darf, um digitale Kriminalität zu bekämpfen. Sicher ist: Freiheit und Sicherheit sind keine Gegensätze, sondern gleichermaßen wichtig für Vertrauen und Schutz in der digitalen Welt.

Täglich werden rund 3500 Angriffe auf das Regierungsnetz gezählt. Was weiß man über die Angreifer und was wollen sie eigentlich?

Das Netz zieht ganz unterschiedliche Angreifer an, mit auch neuen Angriffsformen: In Schulen kann es passieren, dass junge Erwachsene mit der Veröffentlichung von Bildern in Sozialen Netzwerk erpresst werden und dafür Geld bezahlen. Bei Unternehmen schalten Kriminelle das Webportal solange ab, bis eine Geldsumme überwiesen wird. Das Problem: Die Angreifer können nur schwer ermittelt werden.

Selbst Zulassungsbehörden der Region – unter anderem von der Stadt und dem Kreis Offenbach sowie der Stadt Frankfurt sind von einem Hacker-Angriff betroffen gewesen. Wird Cyber-Kriminalität immer noch als Stoff für TV-Krimis eingestuft?

Richtig. Cyberkriminalität wird noch immer unterschätzt. Viele glauben, kann mir doch nicht passieren. Deshalb raten wir dazu, sich einmal aktiv mit einigen Grundregeln der IT-Sicherheit zu befassen. Auf dem Portal von „Deutschland sicher im Netz“ unter dsin.de finden Sie dazu Angebote.

Wie kann es sein, dass sich niemand über die Hackerattacken empört? Selbst die Abhörmaßnahmen der NSA haben kaum jemanden interessiert.

Wichtiger als Empörung über Sicherheitsvorfälle ist für uns aber, sich aktiv mit dem Thema zu befassen. Viele Cyberangriffe können abgewehrt werden – gerade solche, die sie im Alltag konkret schädigen können, wie zum Beispiel Verletzung ihrer Persönlichkeitssphäre oder auch Sachschäden. Diese Dinge sollten auch von Unternehmen ernster genommen werden: Vielen ist nicht bewusst, dass unverschlüsselte Mails sehr leicht mitgelesen werden können – von Geheimdiensten, ja, aber auch von Wettbewerbern.

Jedes dritte Kind zwischen drei und acht Jahren nutzt das Internet. Worauf sollte man dabei achten?

Sicher sollte der Medienkonsum in sehr jungen Jahren nur eingeschränkt erfolgen und immer unter Anleitung eines Erwachsenen. Wenn Kinder das Internet allein nutzen, ist es wichtig, dass sie sich auf sicheren Seiten bewegen. Das sind zum Beispiel Kindersuchmaschinen wie fragFINN.de oder die Kinder-Video-Community juki. Hier stellen pädagogisch geschulte Redaktionen sicher, dass die Kinder nur altersgerechte Inhalte zu sehen bekommen.

Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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