Schönwetterhochs im Herbst erwartet

Meteorologe: Das Wetter ist nur gefühlt extremer

+
Meteorologe Martin Gudd genießt den Herbst.

Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass das Wetter immer dollere Kapriolen macht. Warum das aber nur ein Trugschluss ist, erklärt EXTRA TIPP-Kolumnist und FFH-Meteorologe Martin Gudd.  Von Axel Grysczyk 

Der Normalbürger hat das Gefühl, dass die Jahreszeiten immer stärker durcheinander geraten. Was macht denn den Herbst eigentlich typisch?

Gefühlt ist es zwar so – aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Denn das Wetter hält sich trotz aller Unkenrufe nach wie vor an den typischen Witterungsfahrplan im Jahr. Und der nimmt eben keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten oder Wochenendplanungen. So kommt es, dass viele von uns immer wieder der Meinung sind, dass das Wetter durcheinandergeraten ist. Aber das ist ja gerade das Typische: Die Wechselhaftigkeit, die unser Wetter ausmacht. Die wird sich auch in Zukunft unserem durchplanten Alltag mit Erfolg entgegenstellen. Typisch am Herbst sind zum Beispiel die großen Temperaturunterschiede zwischen den schon kalten Nächten und den noch immer warmen Tagen. Da können schon mal 20 Grad an Differenz zusammenkommen. Ebenfalls ganz typisch: Nebel und Hochnebel. Diese beiden sorgen dafür, dass es umso „grauer“ wird, je später es in den Herbst hineingeht.

Droht uns schon ein Wetterphänomen, dass diesen Herbst besonders machen könnte?

Bei einer Jahreszeit einen bestimmten Charakter vorherzusagen, ist eigentlich kaum möglich. Aber: Wir können trotzdem ein wenig spekulieren, was vielleicht jetzt im Herbst häufiger auftreten wird. Es gibt nämlich derzeit beim Wetter die Tendenz zu mehr Schönwetterhochs und damit zu überwiegend trockenem Wetter. Momentan scheint die Natur die Nässe der letzten Monate ausgleichen zu wollen, indem es mehr Tage gibt, die trocken bleiben. Das könnte in den nächsten Wochen so weitergehen. Lassen wir uns da mal überraschen.

Wenn der Sommer verregnet ist, gibt’s lange Gesichter. Wie nass ist denn im Durchschnitt der Herbst?

Deutlich trockener als der Sommer. Denn die nassesten Monate, zumindest im Flachland, sind bei uns im Schnitt der Juli und der August, aufgrund der vielen sommerlichen Schauer- und Gewitterniederschläge. Im Herbst sinkt dagegen das Gewitterrisiko, und bevor die winterlichen Dauerregengebiete zu uns kommen, gibt es daher vor allem im September und im Oktober häufig trockene Witterungsphasen. Der Altweibersommer jetzt Ende September gehört typischerweise dazu. Und wenn sich eben die aktuelle Tendenz zu trockenem Wetter fortsetzt, würde einem Goldenen Oktober nichts mehr im Wege stehen.

Oft wird die jetzige Jahreszeit mit heranziehenden Stürmen gleichgesetzt. Täuscht der Eindruck, dass es in den vergangenen Jahren gar nicht mehr so stürmisch war und Orkane eher im Winter kommen?

Ja, eigentlich gehören die Stürme in die Wintermonate. Der Herbst selbst ist selten stürmisch. Eine Statistik der letzten Jahrzehnte würde zeigen, dass die Zeit der wirklich heftigen Stürme meist erst spät im Herbst beginnt und sich dann bis ins beginnende Frühjahr hineinzieht. Es gibt ab und an sehr starke Orkane speziell im November – der extremste Sturm war hier wohl der Niedersachsenorkan vom 13. November 1972 – doch in den letzten Jahren traten die starken Stürme meist nur in den eigentlichen Wintermonaten auf.

Wie hat sich der Herbst bei uns in den vergangen Jahren verändert?

Auch hier täuscht der Eindruck. Der Herbst ist nach wie vor so, wie er immer war: Mal so, mal so. Da hat sich nichts geändert. Wenn wir von einer Änderung sprechen können, dann nur insofern, dass in den letzten Jahrzehnten die Zeit der richtig warmen Tage ein wenig nach hinten verschoben wurde. Es blieb quasi in den letzten Jahren etwas länger warm als vorher. Das kann durchaus ein Ausdruck der Klimaerwärmung sein. Aber der eigentliche Charakter des Herbstes hat sich nicht geändert.

Noch ein paar Worte zum vergangenen Sommer. Wie war er denn nun? Auf alle Fälle zu nass, oder?

Ja, er war deutlich zu nass, an manchen Orten wurden neue Regenrekorde aufgestellt, zum Beispiel im Juli. Auffallend war, dass sich kein einziges Mal eine längerdauernde Schönwetterphase einstellen konnte, die über mehrere Tage andauerte. Es war immer das nächste Regentief schon zur Stelle. Sonst war er allerdings sogar etwas zu warm, denn Juni und Juli brachten meist übernormale Temperaturen.

Was ist insgesamt bis jetzt im Jahr 2014 auffällig?

Auffallend ist bei uns vor allem die lang andauernde Wärme des Jahres. Wir hatten einen extrem milden und sehr schneelosen Winter. Sehr schnell setzte der Frühling ein, und es gab schon früh im Jahr hohe Temperaturen. Außerdem war es zu dieser Zeit sehr trocken. Dann folgte ein sehr warmer Frühsommer, bevor es in den wechselhaften und nassen Hochsommer ging. Die Nässe im Hochsommer war quasi der Ausgleich für das sehr trockene Frühjahr. Bemerkenswert war dabei eben auch das fast völlige Fehlen länger andauernder Schönwetterphasen. Jetzt im Herbst scheint sich dieser Trend wieder umzukehren. Es sieht fast so aus, als sei die Natur immer auf Ausgleich bedacht.

Die Temperaturen fallen, es wird früher dunkel und überall fliegen Blätter. Was macht für Dich denn den Herbst schön?

Es sind die ruhigen Momente des Herbstes, die mich ansprechen: Die Dämmerungsfarben, die langsam ziehenden Wolken, die Bäume und Blätter im warmen Herbstlicht, der Nebel, der im Tal hängt. Ich genieße diese ruhigen Momente ausgiebig, bevor es in den langen grauen und manchmal stürmischen Winter geht.

Mehr zum Thema

Kommentare