Messies in Frankfurt: Wenn die Seele im Müll ertrinkt

+
In einer Messiewohnung türmt sich der Müll.

Frankfurt – Messies sammeln sich in die Katastrophe. Was bei normalen Menschen direkt in die Mülltonne wandert, kommt bei ihnen auf Ablagestapel. Bis die Berge so groß werden, dass die Wohnung unbewohnbar ist, es stinkt und sich Ungeziefer breit macht. In Frankfurt haben treffen sich Betroffene bei den Anonymen Messies. Gemeinsam wollen sie diesem Schicksal entgehen. Von Christian Reinartz

Auf Roswithas Schreibtisch ist nur noch Platz für eine Papierseite. „Das langt für die nötigsten Schreibarbeiten“, sagt die 66-jährige Frankfurterin. Der Rest ist zugestapelt. Mit Zeitschriften, nie erledigter Korrespondenz. Papierkram eben. Seit sie denken kann, sammelt sie. Stapelt ihre Papiere von einer Ecke in die nächste.

In einer Messiewohnung türmt sich der Müll.

Irgendwann war es so schlimm, dass sie eine Selbsthilfegruppe besuchte. Das war vor zehn Jahren. „Da habe ich gemerkt, dass es viele Leute gibt, die dasselbe Problem haben wie ich“, sagt sie. In Frankfurt sind es über 15.000 Menschen. Nur die wenigsten davon suchen Hilfe: „Die Scham über die eigene Unordnung ist zu groß“, so Roswitha.

Die Scham ist es auch, die die Unordnung zum Problem macht. „Irgendwann macht man keinem mehr die Tür auf“, erklärt Roswitha aus eigener Erfahrung. So erkennen oft nicht einmal die engsten Freunde, was mit den Messies los ist. Nach außen hin geben sie sich gepflegt, offen und betont locker. Hinter ihrer Wohnungstür türmt sich jedoch das Chaos. Dieser Spagat zwischen den Extremen macht die Betroffenen mürbe. Sie vereinsamen, Freunde wenden sich ab, weil sie nie eingeladen werden. Ein Prozess, der oft Depressionen zur Folge hat.

Wir sprechen bei den Messies von einer Zwangshandlung“, erklärt Jutta Herrlich, leitende Psychotherapeutin im Zentrum der Psychiatrie der Frankfurter Universitätsklinik. „Und die ist gut behandelbar.“ Zusammen mit dem Patienten werden Kriterien für das Wegwerfen erarbeitet. „Wir bringen sie mit einer Verhaltenstherapie dazu, wieder selbst etwas wegschmeißen zu können“, erklärt die Psychologin. Den Grund, warum jemand am Messie-Syndrom erkrankt, sieht die Expertin in einer aus dem Ruder gelaufenen Instinktreaktion. „Eigentlich ist uns das Horten wie dem Eichhörnchen angeboren“, erklärt sie: „Aber durch die Logik können wir das kompensieren.“ Bei den Messies funktioniert das nicht mehr.

Auch Roswitha weiß das: „Alle Messies ahnen schon lange vor der Diagnose, dass etwas nicht stimmt, wollen das aber nicht wahrhaben.“ Deshalb hat die Selbsthilfegruppe eine Check-Liste erstellt, mit der jeder überprüfen kann, ob er ein Messie ist, oder einfach nur unordentlich.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare