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Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund gesucht

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Vorbild im Klassenzimmer: Lehrer mit Migrationshintergrund können mit ihren Erfahrungen wichtig für eine gelungene Integration sein.

Region-Rhein-Main - Deutschland braucht mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Von ihnen versprechen sich Experten eine bessere Integration. Doch bei Migrantenkindern liegt der Beruf alles andere als hoch im Kurs. Von Dirk Beutel 

Zur Info:

Bis zum 18. Juni können sich noch Oberstufenschüler für den viertägigen Schülercampus „Mehr Migranten werden Lehrer“ in der Frankfurter Goethe-Universität bewerben. Einfach in einer E-Mail formulieren, warum man sich für den Lehrerberuf interessiert und direkt an boutaoui@em.uni-frankfurt.de schicken.

Jugendliche mit Migrationshintergrund entscheiden sich selten bis gar nicht für den Beruf des Lehrers. Mitunter weil in ihren jeweiligen Herkunftsländern Lehrer ein bei weitem nicht so angesehener Job ist, wie er es in Deutschland ist, von der Bezahlung ganz zu schweigen. Dabei gelten Lehrer mit Migrationshintergrund als nicht zu unterschätzender Baustein für eine gelungene Integration. Interkulturelle Schulentwicklung lautet das Zauberwort. Deshalb startet jetzt derSchülercampus „Mehr Migranten werden Lehrer“ an der Frankfurter Goetheuniversität bei dem sich Oberstufenschüler mit Zuwanderergeschichte vier Tage lang über den Lehrerberuf gezielt informieren können.

Lehrer mit Migrationshintergrund haben Vorteile

Vor allem hätten immer noch oft die Eltern das letzte Wort, wenn es um die Frage nach der Berufsausbildung ihrer Kinder geht. „Und wenn die schon Abitur haben, dann sollen sie meist Medizin, Jura oder Ingenieurwissenschaften studieren“, sagt Nora Boutaoui von der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung in Frankfurt. Dabei haben Lehrer, die selbst einen Migrationshintergrund aufweisen, entscheidende Vorteile: Sie könnten als Vorbilder auftreten. Als lebender Beweis dafür, dass man es in Deutschland mit einem Migrationshintergrund zu etwas bringen kann. Und ein solcher Lehrer kann mehr Verständnis für besondere Situationen im Alltag haben. „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte repräsentieren beide Kulturen. Sie sind Brückenbauer zwischen zwei Kulturen und meist auch Sprachvermittler. Diese kennen die Rituale und die Bräuche innerhalb der Familien und wissen, wie sie mit diesen umzugehen haben. In bestimmten Leistungssituationen können die Lehrkräfte die „migrantischen“ Schülererfahrungen teilen, weil sie deren Sprach-, Integrations- und Selbstbehauptungsthematiken am eigenen Leib erfahren haben“, sagt Christian Henkes, Sprecher des hessischen Kultusministeriums: „Fragt man Migrantenkinder, was ihre Sorgen und Wünsche sind, dann sind es immer noch eine ähnlich gefühlte Zerrissenheit, gleich der, die ihre Lehrer empfunden haben.“ Ganz ähnlich sieht es Nora Boutaoui: „Die Rhein-Main-Region ist mit bunt gemischten Bevölkerungsstruktur prädestiniert für diesen Schülercampus“, sagt sie. Doch sie macht auch klar, dass die Idee ihre Grenzen hat: „Natürlich muss man sich fragen, welchen Einfluss ein Lehrer mit türkischem Migrationshintergrund auf einen Schüler der aus Ecuador stammt, haben kann.“

Tatsächlich habe man, im Vergleich zu den Schülerzahlen viel zu wenige Lehrer mit Migrationshintergrund. Bundesweit schätzt man die Zahl entsprechender Lehrkräfte auf sieben Prozent. Dem steht in der Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren ein Migrationsanteil von etwa 50 Prozent entgegen.

Initiative ist ein Zeichen der Chancengleichheit

Hella Lopez, Vorsitzende des Elternbundes Hessen, sieht die Initiative als Zeichen der Chancengleichheit und begrüßt deshalb, dass ein Netzwerk für Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte aufgebaut wird: „Was dem allerdings entgegen spricht ist unser dreigliedriges Schulsystem. Schüler mit Migrationshintergrund bekommen noch zu selten eine Empfehlung für das Gymnasium. Außerdem ist das nach der vierten Klasse einfach noch zu früh.“ Sinnvoller sei es, stattdessen mehr Freiheiten zu schaffen, indem man Kinder länger gemeinsam lernen lasse. Etwa bis zur neunten oder zehnten Klasse. Lopez: „Diese Freiheit muss da sein. Dann ist es jedem selbst überlassen, welchen Weg man einschlagen möchte.“

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