Mehr Angst vor Menschen als vor dem Frost

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Peter Nordmann (links) und Andreas Mosch sind mit dem Kältebus unterwegs, verteilen Decken und schenken Tee an Obdachlose aus.

Frankfurt – Das Leben auf der Straße ist vor allem im Winter hart. Ein Tee, ein Bett – was für die meisten bei Minustemperaturen normal ist, davon können über 2200 wohnsitzlose Frankfurter nur träumen. Der Kältebus des Vereins für soziale Heimstätten ist deshalb jede Nacht im Einsatz. Von Mareike Palmy

Zwei Grad zeigt das digitale Thermometer vor dem Hauptbahnhof am Dienstagabend. Es ist kurz nach 21 Uhr und Sozialarbeiter Peter Nordmann steuert den weißen Renault-Bus auf den Kaisersack zu. Im Kofferraum scheppern die Thermoskannen aneinander. Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Mosch hält er in der Nacht Ausschau nach Obdachlosen, verteilt Decken, Schlafsäcke und Früchtetee. In längeren Frostperioden hat er damit auch schon Menschen vor dem Kältetod gerettet.

Wir stehen immer zu festen Zeiten an bestimmten Orten“, sagt Nordmann: „Die Obdachlosen wissen das und können sich dann bei uns einen Tee holen oder in die Unterkunft gebracht werden, wenn sie wollen.“

Der Hauptbahnhof ist immer die erste Station auf ihrer Route, die bis fünf Uhr morgens dauert. Heute wartet dort schon ein Mann auf die beiden. Sein Gesicht ist gerötet von der Kälte. In gebrochenem Deutsch erklärt er, dass er ausgeraubt worden sei, keine Papiere habe und mit in die Unterkunft fahren möchte. Über sein Handy verständigt Nordmann das Notquartier im Ostpark. „Ich bringe euch jemanden“, sagt er und drückt aufs Gas. Über 120 Kilometer legt der Kältebus so in einer Nacht durch Frankfurt zurück.

Ganze Familien schlafen in der B-Ebene der Hauptwache

Ein Obdachloser schläft im Steinweg.

In den blau-weißen Wohncontainern der Notunterkunft im Ostpark, wo Nordmann und Mosch den Mann absetzen, können bis zu 140 Männer und Frauen übernachten. Nordmann und Mosch kennen trotzdem „zirka 100 Wohnungslose“, die lieber die Nacht im Freien verbringen. „Die haben Angst vor den Menschen, nicht vor der Kälte“, so Mosch.

Nach dem Zwischenstopp in der Übernachtungsstätte geht es in die Innenstadt zur Hauptwache. Hier, in der beheizten B-Ebene, schlafen in den Wintermonaten die meisten Obdachlosen. Mit Plastiktüten, Pappen und Tüchern haben sie ihre Nachtlager gebaut. „Ganze Familien liegen hier dicht aneinander gepresst und schlafen“, sagt Nordmann und dreht eine kleine Runde durch die U-Bahn-Station, während Kollege Mosch beim Kältebus bleibt, Protokoll schreibt und zwei obdachlosen Männern einen Tee eingießt.

Seit 20 Jahren ist der Kältebus jetzt im Einsatz. Der 62 Jahre alte Nordmann ist schon die siebte Saison dabei. Als „waschechter Frankfurter“ kennt er jeden Winkel der Stadt, vor allem aber weiß er, an welchen Brücken, Klohäuschen oder Hauseingängen sich die Obdachlosen nachts zum Schlafen verkrümeln. „Ich sehe Obdachlose, die ein normaler Passant wohl übersehen würde. Mit der Zeit kriegt man ein Auge dafür“, sagt er und deutet während der Fahrt durch die Nacht auf einen Berg von Planen und Schirmen an der Bockenheimer Warte. „Das hier ist der ‚Herr Nein, Danke‘. Der liegt schon ewig hier. Zu allem, was wir ihm anbieten, sagt er nur ‚Nein, Danke‘“, so Nordmann.

Der Kältebus ist unter Telefon (069) 431414 erreichbar.

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