Medienwissenschaftler Jens Ruchatz

Experte: Selfie-Wahn ist halb so schlimm 

Jens Ruchatz

Zwischen Selbstdarstellung und Beziehungspflege: Selfies greifen vor allem in den sozialen Netzwerken  um sich. Der Marburger Medienwissenschaftler Jens Ruchatz erklärt, warum Selfies nichts mit Narzissmus zu tun haben und gar nicht so neu sind. Von Dirk Beutel 

Was ist eigentlich ein Selfie?

Es ist nicht wie allgemein behauptet ein Selbstportrait. Es ist kein gültiges Bild, das die jeweilige Individualität auf den Punkt bringt. Vielmehr ist es ein Mittel, um zu zeigen, das bin ich jetzt in dieser Situation. Es ist eine andere Form der Kommunikation, die mit den Bedingungen des Web 2.0 zu tun hat. Und es ist ein anderer Umgang mit Fotografie. Die Kamera ist ja im Smartphone sowieso immer dabei. Fotografie wird dadurch zu etwas Beiläufigem, man macht es nebenbei. Entscheidend ist, das Foto über die sozialen Netzwerke für andere zugänglich zu machen. Das eigene Leben wird dadurch mit anderen geteilt. Das ist relativ neu, aber nichts Schlechtes. So kann man auch Freunden, mit denen man lange nichts zu tun hatte zeigen, was man gerade, wo macht.

Wie hat das Ganze angefangen?

Das Ganze hängt natürlich mit der Entwicklung des Smartphones zusammen. Man muss dazu wissen: Das erste Kameraphone kam vor etwa 15 Jahren in Japan heraus. Schon damals mit einer Kamera, die man auf sich selbst richten konnte, allerdings ohne Display. Dafür gab es aber einen kleinen Spiegel am Gerät, mit dem man sich selbst beobachten konnte. Also schon damals war diese Funktion vorgesehen.

Die sozialen Netzwerke werden von Selfies überschwemmt. Manche sprechen von einer Sucht. Ist da was dran?

Als Medienwissenschaftler sehe ich das skeptisch. Vorher sprach man auch von einer Lesesucht, einer Computerspielsucht. Sicherlich ist es nicht auszuschließen, dass es sich in Einzelfällen um Suchtverhalten handeln kann, aber sicher nicht signifikant. Ich persönlich glaube, dass diese Befürchtung überbewertet wird.

Auch unsere DFB-Fußballer sind im Selfie-Wahn. Manager Oliver Bierhoff ist genervt und spricht von Banalitäten und Narzismus. Stimmen Sie ihm zu?

Ob Selfies banal sind – mag sein, es handelt sich ja um eine Alltagspraxis. Ich glaube ja, dass es sich hierbei um ein Generationenproblem handelt. Oliver Bierhoff ist, wie ich, einiges älter als die, über die er urteilt. Wir haben Fotografie noch als etwas Besonders, etwas knappes erlebt. Das eine besondere Gelegenheit auszeichnet. Dann verschwanden die Bilder im Fotoalbum. Wer aber ein Selfie macht, braucht überhaupt keinen Anlass, es geht nur darum sich in einer bestimmten Situation abzulichten. Der Narzissmus-Vorwurf ist bekannt und gängig. Aber genauso die These, dass die ganze Gesellschaft, in der wir leben, narzisstisch ist und so weiter. Ich glaube aber nicht, dass jeder der Selfies macht, besonders selbstverliebt ist. Mit Selfies will man in Kommunikation treten. Es ist eine Aufforderung zur Unterhaltung. Außerdem gehört sich selbst zu zeigen zur Individualität. Es ist nicht so pathologisch, wie einige meinen.

Selfies sind das Autogramm der Jetzt-Zeit, wie konnte es so weit kommen?

Diese Funktion des Selfies oder der Stellenwert ist dem eines traditionellen Autogrammes nicht unähnlich. Früher hat man einen Ball oder ein Trikot mitgenommen und hat es von seinem Lieblingsfußball-Spieler signieren lassen. Heute fotografiert man sich selbst mit seinem Star als Beweis dafür, dass der einen wahrgenommen und sich für einen Zeit genommen hat. Das ist beim Autogramm das gleiche. Der Unterschied ist, dass ein Autogramm meist in eine Sammlung wandert und Selfies über die sozialen Netzwerke veröffentlicht werden.

Urlaubs-Selfie, Fitness-Selfie, Sexy-Selfie: Ist die Spitze des Selfie-Trends erreicht, oder steht uns noch mehr bevor?

Es ist schwer zu sagen, ob noch etwas Neues mit Selfies machbar ist. Mittlerweile könnte man in der Tat meinen, dass wirklich jede Situation, jeder Ort ausgeschöpft wurde. Interessant ist dabei, dass dieser Trend aus dem Internet heraus entstanden ist, wie es schon in der Vergangenheit viele neue Namen, Formen und Genres hervorgebracht hat.

Selfies sind auch Selbstinzenierung. Bilder vom schönen Leben der Anderen sorgen nicht nur für Begeisterung, sondern auch für Lästereien und Neid. Können Fotos diese Wirkung auslösen?

Wirkung ist ein zu starkes Wort. Selfies setzen die Kommunikation in Gang. Bei Facebook wird das Foto erstmal geliked, man hat es also zur Kenntnis genommen. Danach folgen meist schnell Kommentare in der Art: „Das ist aber schön. Wo bist du da gerade?“ Woraus sich ein neues Gesprächsthema ergeben kann. Es wird über die Situation gesprochen. Neid oder Lästereien können einem genauso auf dem Schulhof oder im Büro passieren. Aber bei den meisten Selfies ist es so, dass sie meist nur einem bestimmten Freundeskreis gezeigt werden. Die Menschen, die soziale Netzwerke nutzen und Selfies machen, nutzen die vorhandenen Schutzräume. Ich glaube, dass diejenigen genau wissen, ihnen bewusst ist, was sie da wem von sich preisgeben. Von daher würde ich von Einzelfällen sprechen, in denen Neid oder sonstiges Negatives aufkommt.

Apropros knapp: Selfies haben ja keine allzu lange Halbwertszeit.

Das stimmt, das gilt allgemein für die digitale Knipster-Fotografie. Man schießt Fotos bis der Speicher voll ist, dann wird aussortiert, was man sich eventuell noch in zehn Jahren anschauen würde. Eine Filterung findet dann eben erst später statt. Das Verfallsdatum beiläufiger Fotografie ist aber kurz, ja. Die meisten verschwinden wieder sehr schnell, oder gehen in der Masse unter, außer eben den wirklich besonderen Aufnahmen, wie mit einem Star. Insgesamt wird dieser Trend aber bleiben und sich in irgendeiner Form weiterentwickeln. Höchstens die Intensität wird abnehmen.

Schon mal von sich selbst ein Selfie geschossen?

Ja, aber ich schaue meist eher verkniffen. Mir fehlt definitiv die Übung.

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