Vier Museen weniger, dafür mehr Bestattungskultur!

Medien-Mönch Bruder Paulus fordert gratis Gräber

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Bruder Paulus Terwitte
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Medien-Mönch Bruder Paulus Terwitte will das Bestattungswesen umkrempeln, damit es menschlicher wird. Sein Plan: Statt den Grünflächenämtern sollen in Zukunft die Kulturämter zuständig sein. Von Christian Reinartz

Was stimmt nicht mit dem aktuellen Bestattungswesen?

Wo ein Friedhof ist, da waren Menschen. Und es ist Aufgabe der Gemeinschaft, diejenigen die sterben, auch in Würde zu bestatten. Denn niemand ist nur privat Mensch. Jeder hat der Gemeinschaft etwas geschenkt. Die Gemeinschaft hat ihn ausgebildet, hat ihn begleitet. Und ob jemand Familie hat oder nicht, er ist in jedem Fall ein Schatz für die Gesellschaft. Die Menschen dienen ein Leben lang der Gesellschaft und am Lebensende heißt es dann, der Tod ist Privatsache? Das kann doch nicht sein. Das Bestatten ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe die zu unserer Kultur gehört. Es heißt ja auch Bestattungskultur. Und sie sollte ein Werk der Barmherzigkeit und nicht auf Kostendeckung ausgelegt sein. Am Endgericht werden wir gefragt, ob wir die Toten bestattet haben und nicht ob wir uns haben bestatten lassen.

Also läuft alles falsch?

Friedhöfe waren schon immer Orte der Gemeinschaft. Ich werfe aber unserer Gesellschaft vor, dass sie das Leben mit den Füßen tritt und auch den Tod. Dass sie letztendlich den Einzelnen in seiner Werthaftigkeit bezweifelt. Schon gar wenn er behindert ist, wenn er arbeitslos ist, wenn er nichts mehr bringt. Und die Toten bringen nun gar nichts. Die überlässt man dann einfach sich selbst.

Stimmt doch gar nicht. Im Endeffekt zahlt das Ordnungsamt eine anonyme Bestattung für mittellose Menschen ohne Angehörige.

Das ist ein Unding. Jeder hat einen Namen. Und der sollte auch auf dem Grabstein stehen. Das Schlimme ist, dass ja immer mehr Menschen, die noch Angehörig haben sich auch anonym bestatten lassen, um ihren Nachkommen Kosten zu ersparen. Es kann doch nicht sein, dass jemand weit außerhalb der Tore der Stadt in irgendeinem Friedwald bestattet wird, nur um Kosten zu sparen. Wo ist die menschliche Gemeinschaft, wenn eine 89-jährige Frau zu mir kommt und sagt: ,Jetzt muss ich mich auch noch selbst wegmachen.’ Wir sollten eher sagen: „Unsere Verstorbenen sind wertvoll und wir wollen sie in unserer Mitte haben.’

Also sind einfach nur die Friedhofsgebühren zu hoch?

Die Kosten für eine Beerdigung sind doch horrend. Da muss sogar Miete für die Trauerhalle im Halbstundentakt bezahlt werden. Das ist doch nicht würdevoll, sondern ein Geschäftsmodell. Für alles werden Gebühren erhoben. Warum kostet Privatpersonen eigentlich der Friedhof etwas? Der Friedhof ist für mich wie ein Museum, wie ein Theater, wie die Oper. Ausdruck unserer menschlichen Kultur. Darum gehört das Friedhofswesen weg vom Grünflächenamt, hin zum Kulturamt. Dann können wir uns überlegen, wie wir diese Kultur in unserer Stadt gestaltet haben wollen.

Klingt erstmal ein bisschen befremdlich.

Das macht ja gar nichts. Faktisch wissen wir, dass die Bestattung eine Kulturaufgabe ist. So wie wir uns ein Orchester leisten, ist auch Musik und Begleitung, bis hin zur Anlage und Gestaltung des Grabes, etwas, das Ausdruck von Kultur ist und nicht von Gärtnerarbeit. Sicher macht das Grünflächenamt eine gute Arbeit. Das ist gar keine Frage, aber wir wissen auch, dass über die Gebührenordnungen, das alles kostendeckend organisiert werden muss. Und da beginnt dann eine Gebührenordnung, die Menschen davon wegtreibt, ihre Angehörigen bestatten zu wollen. Stattdessen werden die alten Menschen dazu gebracht für ihre Bestattung vorzusorgen, irgendwelche Vorsorgeverträge abzuschließen. Unsere auf Gewinn fixierte Gesellschaft hat schnell erkannt, dass die Toten sich nicht beschweren können. Und die Angehörigen als Trauernde schön den Schnabel halten, wenn da Gebühren aufgerufen werden.

Die Alternative?

Es wäre doch viel besser, wenn die Stadt ihre Bürger einfach bestatten würde auf ihren Flächen. In Köln gibt es zum Beispiel sogenannte Lebensgärten, in denen es gar keine Reihengräber mehr gibt, sondern eine Fläche der Kultur, auf der alle bestattet werden.

Was ist mit individuellen Grabwünschen?

Auch wenn der Tod alle gleich macht, es gab immer wieder Menschen, die dachten, sie seien auch im Tod ein bisschen gleicher. Das muss ein Gemeinwesen ertragen. Wir können nicht nur allgemeine Kulturflächen haben, sondern haben auch spezielle Flächen, bei denen jeder sich ein Denkmal setzen kann. Konkret könnte das heißen, dass wir beginnen darüber nachzudenken, wie wir Gelder, die wir sonst für Kultur ausgeben würden, verwenden können, um jedem eine richtige Beerdigung zu ermöglichen.

Vielleicht brauchen wir vier Museen weniger und dafür eine große Experimentierphase, in der wir lernen, wie wir mit unseren Toten besser umgehen können. Und warum sollen Geldgeber in einer solchen Anlage nicht auch einen besonderen Platz bekommen. Ich bin der letzte, der alle einheitlich sehen will.

Ist das nicht utopisch?

In Köln ist die Zahl der amtlich anonymen Bestattungen mit dieser Methode um nahezu 70 Prozent zurückgegangen. Mir geht es darum, dass der Tote nicht als ein Problem gesehen wird, das jetzt beseitigt werden muss. Wir müssen den Menschen doch das Gefühl geben, sie brauchen keine Angst davor haben, was passiert, wenn sie sterben. Wir müssen den Menschen sagen: ,Wir kümmern uns darum, wenn du dich vom Acker machst. Mach dir keine Sorgen. Das regeln wir schon alles für dich. Wir kümmern uns um dich.’ Diese Gewissheit sollte ein jeder Mensch haben und nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass er zum Problem für die Familie oder die Gesellschaft wird.

Wie wollen Sie das umsetzen?

Ich selbst habe für Menschen, die mit unserem Kloster verbunden sind eine Fläche gekauft, auf der wir diese Menschen bestatten können. Denen sage ich: ,Ich kümmere mich um euch. Macht euch keine Gedanken.’ Ich mache das im Kleinen vor. Und ich hoffe, dass es irgendwann auch im Großen geschieht. Ich rufe deshalb Parteien und Kirchen dazu auf, darüber zu diskutieren, ob wir das wirklich alles so wollen, wie es jetzt ist. Vielleicht wird ja bei den kommunalen Entscheidungsträgern durch dieses

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Christian Reinartz

Christian Reinartz

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