„Die Schicksale dieser Kinder gehen mir unter die Haut“

Oberarzt Marco Baz Bartels über den Kampf gegen Kindesmissbrauch

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Dr. med. Marco Baz Bartels zeigt auf eine eindeutige Narbe am Schädel eines Kindes. Mit solchen Fällen wird der Oberarzt der Ambulanz für Neuropädiatrie im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität ständig konfrontiert.

Frankfurt - Nicht jeder blaue Fleck ist so harmlos wie er scheint. Seit fünf Jahren gibt es die Kinderschutzambulanz in Frankfurt. Dort kämpft Dr. Marco Baz Bartels gegen körperliche Misshandlung, sexuellen Missbrauch und Vernachlässigung. Von Dirk Beutel

Mit welchen Fällen haben Sie tagtäglich zu tun?

Die Kinder werden meist unter einem Verdacht bei uns vorgestellt: Körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung. Letztere ist natürlich am schwersten zu diagnostizieren ist. Das sind die drei großen Gruppen.

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Darunter subsummieren wir alles: Hämatome, Verbrennungen, vaginalen Ausfluss, fehlende Gewichtszunahme, eingerissene Ohrläppchen oder kaputte Zähne. Meistens haben wir es mit Mischformen zu tun. Die Altersspanne reicht von der ersten Lebenswoche bis zur Volljährigkeit. Bei den Vorfällen mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch liegt nach unseren Erfahrungen der Alterspeak zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr. 

Wer schickt denn in der Regel Kinder zu Ihnen in die Klinik?

Hauptzuweiser ist das Jugendamt, gefolgt von anderen Ärzten und Kliniken. Dann kommen erst Familienangehörige, als letztes die Polizei. Wir hatten bislang um die zehn Inobhutnahmen pro Jahr. Unseren Spitzenwert von 71 Fällen hatten wir 2014. Inobhutnahme heißt: Das Kind wurde den Eltern zumindest vorübergehend oder bleibend entnommen. 2015 lagen wir bei 40 von 122 Fällen. Generell lässt sich sagen, dass etwa 75 Prozent aller Fälle, die bei uns landen, eine direkte Konsequenz haben – medizinisch, sozialpädagogisch oder rechtlich. Mit einer durchschnittlichen Patientenzahl zwischen 150 und 200 im Jahr, glaube ich, haben wir allerdings einen beständigen Punkt erreicht.

Gibt es Schichten oder Familienkonstellationen, bei denen Kindesmissbrauch auffällig ist?

Das ist wirklich schwierig. Wenn man sich die Statistiken ansieht, werden Trennungen oder Sorgerechtsstreitigkeiten gerne auf dem Rücken von Kindern ausgetragen. Sie werden auch gerne von den Eltern instrumentalisiert. Daraus ergibt sich, dass Kinder mit dem Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch häufiger von getrennt lebenden Eltern bei uns vorgestellt werden. Aber unter dem Strich sind solche Fälle unabhängig der sozialen Schicht. Während körperliche Vernachlässigungen tendenziell häufiger im Hartz-IV-Haushalt vorgefunden werden, so ist die viel schwerer zu diagnostizierende seelische Vernachlässigung vielleicht eher in einem Haushalt zu finden, wo zwar ganz viel Geld da ist, die Eltern aber nie Zeit für das Kind haben.

Wann sind Sie überhaupt sicher, dass Sie es mit einer Kindeswohlgefährdung zu tun haben und die Eltern Sie anlügen?

In den Fällen, in denen bereits andere Ärzte oder Kliniken das Gefühl haben, die Unwahrheit erzählt bekommen zu haben, können wir dies oft bestätigen. Fälle, die einen komischen Beigeschmack, ein seltsames Bauchgefühl hinterlassen, bedürfen jedoch immer einer genaueren Prüfung. Ganz gleich von wem sie primär vorgestellt werden. Wenn man so ein Gefühl hat, egal warum, wird versucht, mit anderen Kollegen Klarheit zu schaffen, ob tatsächlich mehr hinter einem Fall steckt. Denn das, was einem die Eltern erzählen, was der Arzt in den meisten Fällen zu glauben geneigt ist, dennoch in Frage zu stellen, wird einem Mediziner ja nicht beigebracht. Wir müssen beurteilen, wie bedeutend die medizinischen Befunde, die uns vorliegen, für ein bestimmtes Misshandlungsmoment sprechen und für das weitere Wohlergehen des Kindes sind. Das soziale Umfeld ist entsprechend wichtig. Unsere Hilfeplanung sieht vor, das Kind wieder auf die richtige Bahn oder in die schützende Umgebung zu bringen. Mit oder ohne Eltern, im Heim oder bei Pflegeeltern, das berechnen wir mit der Hilfe des entsprechenden Jungendamtes mit ein. Eine Fraktur kann man zwar behandeln, das Hämatom verschwindet irgendwann, aber das Alkohol- und Drogenproblem der Eltern nicht.

Wenn Sie so einen Fall vor sich haben, wie gehen Sie in der Praxis vor?

Wir handeln nach dem Mehr-Augen-Prinzip. Dafür brauchen wir interdisziplinäre Hilfe sowohl von außen, sei es von der Polizei, dem Jugendamt, als auch von innen wie anderen Medizinerkollegen, wie die der Dermatologen, Radiologen, Neurochirurgen, der Rechtsmedizin und vielen anderen. Wir benötigen manchmal höhere rechtliche Instanzen wie das Familiengericht. Etwa wenn wir eine langfristige und nachhaltige Lebensplanung mit dem Jugendamt in Angriff nehmen wollen, was nicht selten vorkommt. Da braucht man jemanden, der langfristig die Kontrolle und die Verantwortung trägt. 

Welche Fälle gehen Ihnen persönlich besonders nahe?

Das, was man mit nach Hause nimmt, also die Kinder, die einen selber leiden lassen, an die man abends vor dem Schlafengehen noch denkt und morgens beim Aufstehen wieder mit dabei hat, sind nicht zwingend die schlimmsten Fälle, in denen ein Kind auf der Intensivstation im Sterben liegt. Meistens sind es diejenigen Kinder, mit denen man einen direkteren Draht aufbaut, die zum Beispiel genau wissen, dass ihre Eltern sie misshandeln, sie sie aber trotzdem immer verteidigen und die Schuld bei sich selbst suchen. Es sind die Kinder, die sich an einen klammern, weil sie wissen, sie müssen an das Jugendamt übergeben werden. Oder die Kinder, die die Ambulanz oder Station als viel schöner empfinden, als das, was sie zu Hause geboten bekommen. Die Schicksale dieser Kinder gehen mir persönlich unter die Haut, weil ihre Fälle vermeidbar sind, weil sie nicht hätten sein müssen.

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