Geköpfte Falken und tote Störche

Main-Taunus-Kreis ist Hochburg sterbender Vögel

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Flörsheim – Großes Vogelsterben im Taunus: In Hochheim fliegt ein Storch gegen eine Stromleitung und stirbt. Jetzt taucht ein Turmfalkenweibchen mit sauber abgetrenntem Kopf auf. Wie das Tier zu Tode kam, ist für die Tierschützer ein Mysterium. Von Janine Drusche

Die achtjährige Maria zeigt den leblosen Storch in Hochheim. 

Es könnte alles so schön sein: Mehr als ein Dutzend Storchennester gibt es in Flörsheim. Bernd Zürn vom Ortsverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) hat in mindestens acht von ihnen Eier entdeckt: Der fedrige Nachwuchs muss also nur noch ausgebrütet werden. Und das, obwohl der „Weißstorch im Main-Taunus-Kreis bis 2002 als ausgestorben galt“, wie Rainer Berg von der Unteren Naturschutzbehörde Flörsheim sagt. Eigentlich also ein Grund zur Freude. Wenn es da nicht jüngst die traurigen Vorfälle im Main-Taunus-Kreis gegeben hätte: Statt futtersuchender, herumfliegender Vögel, werden in der Umgebung von Hochheim und Flörsheim gleich zwei leblose Vögel vorgefunden.

Das erste Opfer, ein toter Storch, der sich in einer Stromleitung verfangen hat und an den Folgen gestorben ist, hat Uwe Schreiber Ende März in Hochheim gefunden. „Seit 2014 sind in der Region mindestens vier Störche an Stromstößen gestorben“, sagt Bernd Zürn. Der Taunus sei in Hessen schon ein kleiner Dreh- und Angelpunkt für Störche, die in Stromleitungen geraten, sagt auch Bernd Petri, Erster Vorsitzender und Ornithologe des NABU Hessen: „In Hessen sind in den vergangenen fünf Jahren etwa zehn Störche an Kurzschlüssen von Strommasten und -leitungen gestorben.“ Im Main-Taunus-Kreis waren es, laut Rainer Berg, allein mindestens vier Stromtote in den vergangenen zwei Jahren. „Da ist der Taunus also schon so ein kleiner Hotspot“, sagt Ornithologe Petri.

„Das ist wirklich eine komische Geschichte.“

Heinz-Günter Ruppert und sein grausiger Fund: Das kopflose Turmfalkenweibchen.

Damit nicht genug: Unmittelbar nachdem der tote Storch gefunden wurde, taucht Mitte April ein toter Greifvogel in Flörsheim auf: Ein kopfloses Turmfalkenweibchen liegt auf der Straße. Heinz-Günter Ruppert hat das Tier entdeckt: „Tot und ohne Kopf. Der war fast schon chirurgisch sauber abgetrennt“, sagt der Flörsheimer. Bernd Zürn schaut sich den toten Vogel an, kann aber nicht genau sagen, warum der Falke gestorben ist. Hund, Katze oder Verkehrsunfall seien nicht verantwortlich. Am Wahrscheinlichsten sei ein größerer Greifvogel, der auf Beute aus war, meint der Bund-Experte.

Abschied nehmen mit Tierbestattungen

Bernd Petri empfindet den Tod des Vogels ebenfalls als Mysterium: „Ich dachte, es hätte ein Habicht oder ein Marder sein können. Aber das war kein Vogel und ein Marder beißt ja nicht nur den Kopf ab. Er tötet, um die Beute zu fressen. Das ist wirklich eine komische Geschichte.“ Es bleibt der mysteriöse Tod eines kopflosen Vogels. Sicherer sind hingegen die Hintergründe für den Storchen-Tod: Die Stromleitungen.

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„Mit Genehmigung der Naturschutzbehörde wird durch Absperrungen versucht, die Nester an den Strommasten unattraktiv zu machen. Aber Störche, die auf Strommasten ausgebrütet wurden, mögen diese auch später als Brutplatz“, sagt Berg. Die Netzbetreiber der Masten kämen jedes Jahr und entfernten die Horste von den Leitungen, aber die Vögel kämen immer wieder. „Drei Nisthilfen hat der Bund vor Jahren in der Umgebung aufgestellt, um Alternativen zu bieten, nur eine ist angenommen worden“, sagt Zürn: „Für weniger Stromtote müssten die Leitungen unter die Erde gelegt werden, aber das ist zu teuer.“ Bürger könnten mithelfen, indem sie Hunde anleinen und das Tempo beim Autofahren drosseln.

Im Jahr 2011 hatte ein mysteriöses Vogelsterben in mehreren Ländern für Aufsehen gesorgt. Die Hintergründe konnten damals nie gänzlich geklärt werden. 

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