Märchenhafte Welt hinter Mauern

Frankfurt – Der alte jüdische Friedhof an der Rat-Beil-Straße ist für die meisten Menschen der Region ein Mysterium. Jeder weiß, was hinter den hohen Friedhofsmauern ist, aber kaum einer hat je einen Blick darauf geworfen. Von Christian Reinartz

Dabei verbirgt sich dort eine verwunschene Welt, märchenhaft und gruselig zugleich. Friedhofsverwalter Majer Szanckower gewährt nun den EXTRA-TIPP-Lesern einen Einblick in diese mystische Welt.

Zwischen riesigen verwitterten Granitblöcken, stehen kleine, kunstvoll gearbeitete Grabsteine, Statuen und Säulen. Hunderte, tausende. Alle wirr und scheinbar ohne erkennbares System dicht hintereinander gesetzt. Grabfelder gibt es nicht, nur die Steine. Überall hat das Moos seinen Weg gefunden und überwuchert zahlreiche der Kolosse. Einstmals weißglänzender Marmor ist mit einem grünen Film überzogen und die meisten Steine stehen schief und krumm, werden vom Sonnenlicht, das durch die Blätter der Bäume gebrochen wird, geheimnisvoll angestrahlt.

„Das ist der Charme der Vergänglichkeit“, sagt Majer Szanckower. Der 65-Jährige ist gleichzeitig Friedhofsverwalter und der einzige jüdische Bestatter in Frankfurt. Zusammen mit seiner Frau wohnt er sogar auf dem alten Friedhof in einem Haus am Rand des Areals und hat die Schlüsselgewalt über alle jüdischen Grabstätten in Frankfurt. Und er ist stolz darauf. „Hier liegen die Menschen, die Frankfurt zu dem gemacht haben, was es heute ist“, sagt er. Darunter sind nicht nur die berühmten Rothschilds, sondern auch die Stifterfamilien Budge und Speyer, sowie Nobelpreisträger Paul Ehrlich.

Trotzdem verfällt der Friedhof immer mehr. Vor allem, weil er seit 1929 nicht mehr in Betrieb ist. „Es ist nicht genug Geld da, um alle Grabsteine wieder aufrichten zu können“, sagt Szanckower. „Aber wir tun, was wir können.“

Das besondere an jüdischen Gräberfeldern ist, dass sie nie abgeräumt werden dürfen, sondern bis in alle Ewigkeit bestehen müssen. Das schreibe die jüdische Tradition vor, erklärt Szanckower. Warum nur die wenigsten Frankfurter den alten jüdischen Friedhof schon einmal von innen gesehen haben, kann sich Szanckower nicht erklären. Aber auch er bestätigt, dass die meisten davon ausgehen, dass der Friedhof verschlossen sei. „Dabei muss man nur ein bisschen Mut haben und das Tor aufdrücken“, sagt Majer Szanckower. Seit er nämlich vor 13 Jahren die Verwaltung übernommen hat, schließt er Tag für Tag den verwunschenen Friedhof auf. „Hin und wieder kommen mal Menschen und es gibt auch Führungen“, sagt er. „Aber die meisten wissen das nicht und trauen sich auch wohl nicht, einfach hineinzugehen. Dabei ist hier jeder willkommen.“

Wer den alten jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße einmal besuchen möchte, drückt einfach gegen das stählerne Tor, etwa 50 Meter neben dem weißen Säuleneingang. Danach ist der Weg frei in eine verwunschene Welt aus einer anderen Zeit.

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