Transnormal macht verborgene Träume wahr

Männer stehen ihre Frau

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Manuela Mock schminkt und frisiert Transvestiten wie Tina, bis sie wie echte Frauen aussehen

Frankfurt – Nylonstrümpfe umspielen Tinas verführerisch langen Beine, ein knapper Minirock verhüllt ihre Hüften. Ihr sinnlichen Lippen formen ein bezauberndes Lächeln, als sie zur gläsernen Ladentür eilt. „Guten Tag!“ brummt sie mit grollender Bassstimme. Kein Zweifel: Tina ist ein Mann. Ein Mann auf Stöckelschuhen in Größe 43. Von Christian Reinartz

Eine blonde Frau mit toupierten Haaren, die offensichtlich kein Mann ist, gesellt sich zu Tina. „Vergessen sie alle Vorurteile“, sagt Manuela Mock: „Nur dann können sie begreifen, was Transvestiten wirklich sind.“

Erst jetzt öffnet sie die Tür komplett. Die Tür zu einer anderen Welt, zu einem Reich, in dem Männer ganz selbstverständlich in kurzen Röcken herumlaufen und Silikonpolster in ihre Spitzen-BHs schieben. Diese Welt liegt am Baseler Platz, nahe dem Hauptbahnhof, und heißt „Transnormal“.

In ihrem Laden hilft Mock seit acht Jahren Männern, zur perfekten Frau zu werden, schminkt sie, kleidet sie an, trainiert mit ihnen weibliche Bewegungen. Hunderte Frankfurter Banker, Bauarbeiter und Bäcker lassen sich regelmäßig von Mock umstylen. Ihre Kundschaft ist so vielfältig wie die Stadt selbst. „Transvestiten kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Ohne Ausnahme“, sagt Manuela Mock.

Rot oder blond? Da fällt die Auswahl schwer.

Ihr Handwerkszeug: Über 50 verschiedene Perücken in allen erdenklichen Farben, jede Menge Pumps bis Größe 46 und ein begehbarer Kleiderschrank mit schicken XXL-Fummeln, der aus allen Nähten platzt.

Schwul ist hier aber niemand“, stellt sie klar: „Meine Kunden wollen sich einfach nur wie eine Frau fühlen. Das hat überhaupt nichts mit Sexualität zu tun.“ Vielmehr sei die Umwandlung wie Urlaub vom stressigen Berufsalltag zu verstehen. „Als Frauen müssen sie sich um nichts kümmern, nur darum, ob die Fingernägel richtig lackiert sind.“

Während Transvestiten ihre Neigung im normalen Leben verstecken müssen, um nicht zum Gespött der Nachbarn zu werden, können sie sich bei „Transnormal“ gefahrlos ausleben. Mal nur für wenige Stunden, mal den ganzen Tag.

Da wird gekichert, geneckt und sich über Mode unterhalten. „Frauenkram eben“, sagt Mock lachend.

Wer genug Mut gefasst hat, bummelt im sexy Kleidchen durch die Innenstadt. Das ist das schönste Gefühl überhaupt“, gesteht Tina und klimpert mit ihren langen, schwarz getuschten Wimpern: „Neulich hat mir ein Mann sogar eine Rose geschenkt.“ Für sie der Beweis, dass die Täuschung perfekt gelungen ist. Sie selbst lebt mit ihrer nichts ahnenden alten Mutter zusammen – als Mustersohn.

Anders Monika, die zwischenzeitlich den Laden betreten hat – in Zivil. „Meine Ehefrau weiß davon seit vielen Jahren. Mit vielen Höhen und Tiefen. In letzter Zeit akzeptiert sie es, und es läuft gut“, erzählt der 48-Jährige. Das ist aber nicht immer der Fall. Oft kommt nach einem Geständnis die Scheidung.

Tragisch, denn auch wenn dicke Schichten Make-up die Bartstoppeln verhüllen mögen, aus ihrer Haut können die Transvestiten nie. Tina: „Es ist wie ein unendlicher Durst, den ich stillen muss.“

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