„Es darf jetzt bloß kein neuer Krisenherd entstehen“

Luftfahrt ohne Grenzen: Mit Lkw zur türkisch-syrischen Grenze

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Dort an der türkisch-syrischen Grenze hat der Konvoi sein Ziel. Frank Franke, Präsident von Luftfahrt ohne Grenzen, weiß um die Gefahren während der Reise und in der Krisenregion.

An der türkischen-syrischen Grenze frieren und hungern Menschen auf der Flucht vor dem Krieg. Für die Organisation Luftfahrt ohne Grenzen (LOG) steht diese Region im Mittelpunkt ihrer humanitären Hilfe. Dass diese Hilfe nicht ohne Gefahren abläuft, erklärt LOG-Präsident Frank Franke. Von Dirk Beutel

250 Tonnen Hilfsgüter sind auf neun Sattelzügen etwa 4000 Kilometer Richtung türkisch-syrischer Grenze unterwegs. Was sind mögliche Gefahren während so einer Reise?

Auf jeden Fall das Wetter. Wir haben uns sehr gefreut, dass uns der Deutsche Wetterdienst aus Offenbach unterstützt und für den Konvoi täglich einen Wetterbericht für die Strecke schickt, auf der er gerade unterwegs ist. So können sich die Fahrer und alle anderen besser einstellen, wenn man weiß, dass in Rumänien zwischen Arad und Bukarest Gewitter und Regenfälle drohen. Das macht vieles leichter. Zweitens: Technische Schäden. Es fährt zwar ein Werkstatt-Fahrzeug mit, aber es kann dennoch alles Mögliche kaputt gehen, was den Konvoi behindert oder aufhält. Andere Gefahren gehen dann meist von der jeweils politischen Lage eines Landes aus.

Wie liefen die Vorbereitungen für diesen Konvoi?

Das ist unser vierter Konvoi dorthin. Etwa vier Wochen dauert die Vorbereitung, mit einem zusätzlichen bürokratischen Aufwand von etwa 600 Seiten. Das ist kein Scherz. Es ist manchmal unglaublich, wie schwer es Menschen gemacht wird, die einfach nur helfen wollen.

Warum hat Luftfahrt ohne Grenzen für dieses Projekt auf Lkw zurückgegriffen?

Unsere Stärke ist, Hilfsgüter, die wirklich vor Ort gebraucht werden, schnell und unbürokratisch zur Verfügung zu stellen. Da ist es völlig egal, ob wir dafür ein Flugzeug, einen Seefrachter oder eben wie jetzt Lkw benutzen, um unser Ziel zu erreichen. Es muss nur eben Sinn machen und finanzierbar sein.

Wie sieht die Situation vor Ort aus?

Der Konvoi hat zwei bestimmte Orte an der türkisch-syrischen Grenze als Ziel. Die sowie die genaue Route werden aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Die Lage dort möchte man sich am besten gar nicht vorstellen. Es ist dort unvorstellbar schlimm. Es gibt zehntausende Menschen, die vor der türkischen Grenze lagern, ohne Decken in den Olivenhainen, mit kaum etwas zum Essen, nicht genügend zu trinken. Eine Situation, die man im Jahr 2016 einfach nicht akzeptieren darf.

Was transportiert der Konvoi?

Es sind zwei Ambulance-Fahrzeuge dabei, die dringend gebraucht werden. Bisher wurden sieben Krankenwagen schon hingebracht. Wir haben die Klassiker auf den Weg geschickt: Also Hygieneartikel, Kleidung. Medizin.
Zum Beispiel ist ein Container komplett voll mit Windeln. Grundsätzlich gilt, gerade bei der Kleidung, dass wir nur Neuware transportieren. Das soll nicht abwertend sein. Aber der Weg ist für gebrauchte Ware einfach zu teuer. Deshalb haben wir gute Partnerschaften mit großen Kleidungs-Herstellern, die uns auch entsprechend viel anbieten können. Ob es Restposten sind oder Musterware. Wir finden es außerdem sehr wichtig, dass wir Sachen bringen, die auch wir in Europa gut finden. Menschen, die alles verloren haben, sollten nicht von unserem Abfall leben. Dann gibt es immer die Angst, dass, auch wenn die Sachen noch so gut gewaschen sind, Krankheitserreger mittransportiert werden. Ein großes Problem, denn unsere Krankheiten sind nicht deren Krankheiten.

Das heißt also, als Privatmensch kann ich Ihre Arbeit gar nicht unterstützen?

Doch! Indem sie Fördermitglied Mitglied bei uns werden. Das kostet 50 Euro im Jahr. Wir freuen uns sehr über Helfer, die Fremdsprachen sprechen, zum Beispiel Arabisch, die sich mit Behördengängen beim Zoll auskennen oder sich nicht zu schade sind, mal im Lager mit anzupacken.

Mit wem arbeiten Sie an der Grenze zusammen?

Das International Medical Corps ist unser großer Partner. Diese medizinische Vereinigung hat etwa 8000 Menschen in 38 Ländern der Welt im Einsatz. Sie sorgen dafür, dass die Sachen, die wir unter größten Vorsichtsmaßnahmen dorthin transportieren, auch dahin gelangen, wo sie wirklich auf der anderen Seite der Grenze gebraucht werden. Wenn wir das nicht gewährleisten könnten, wäre das für unsere Organisation nicht gut. Es könnte für unsere Organisation sehr unangenehm werden, wenn etwa die Kleidungsstücke unserer großen Sponsoren auf irgendwelchen Märkten plötzlich verkauft werden. Das passiert aber nicht.

Wie vergleichen Sie Ihre Hilfe an der türkisch-syrischen Grenze mit Ihren anderen Projekten auf der Welt?

Das ist dort ein Dauerproblem. Die Situation dort steht für uns zweifelsfrei im Hauptfokus. Laut UNO haben wir es mit der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Und 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Das Beste, was uns bis jetzt passiert ist, dass es keine größere Naturkatastrophe wie das Erdbeben in Haiti gab und kein neuer Krisenherd entsteht.

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