Mit Loimi Brautmann in die Hinterhöfe abtauchen

Er zeigt das andere Offenbach

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Loimi Brautmann schätzt das kulturelle Leben in Offenbach.

Als Kind nach Israel gezogen, kam Loimi Brautmann 2007 zurück an den Main. Er lebt gerne in Offenbach – Lokalpatriot möchte er aber nicht sein. Von Norman Körtge

Mit welchem Bild von Offenbach sind sie 2007 in die Stadt gekommen?

Ich bin als Kind aus der Region weg und als junger Erwachsener zurück gekommen. Deshalb war ich nicht voreingenommen. Ich konnte mir mein eigenes Bild machen.

Dabei hat Ihnen sicherlich das Auswandern als Kind von Deutschland nach Israel und das viele Reisen geholfen?

Das Reisen gibt einem viel, da man immer wieder neu sein Zelt aufschlägt. Für mich ist ‘unter die Oberfläche zu tauchen’ Programm. Du kommst an einen Ort und schaust ihn dir viel genauer an. Jeder Hinterhof wird erkundet, es wird überall reingegangen, egal wie abschreckend Tür- oder Hemmschwelle ist. Es lohnt sich.

Nach gut sechs Jahren in Offenbach. Was gefällt Ihnen nicht an der Stadt?

Das ist die immer wieder auftauchende Frage, die schwer zu beantworten ist. Ich glaube, die Stadt ist auf einem guten Weg. Das hört sich zwar auch blöd an, da es impliziert, dass man wo her kommt, wo man nicht sein will. Im Endeffekt ist mir vor allem wichtig, dass sich das kulturelle Leben auf ganz unterschiedlichen Ebenen entwickelt – und das tut es.

Zum Beispiel?

Als ich nach Offenbach kam, gab es nur das Cinemaxx-Kino mit seinen Blockbustern. Mittlerweile gibt es ein Kino im Hafen, einen Filmclub und ein Kino im Ledermuseum. Das sind drei Programmkinos mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In letzter Zeit merke ich verstärkt, dass sich immer mehr Menschen für die Stadtkultur und deren Geschichte interessieren. Dazu kommen mehr Leute, die mit anpacken, mitgestalten und spannende Projekte ins Leben rufen.

Für Außenstehende bleibt das Schmuddelimage. Ist und bleibt Offenbach deshalb nur die kleine Stadt neben dem prosperierenden Frankfurt?

Es kommt darauf an, wen man fragt. Ich sehe das objektiv und denke auch, dass ich es bin. Manche Leute aus dem Taunus leben vielleicht nur in einer Welt zwischen Königstein und dem Main-Taunus-Zentrum, gehen abends noch in ein neues Goldmann-Etablissement in Frankfurt. Das ist auch legitim. Unter den jungen, spannenden und coolen Leute hat es sich jedoch schon länger rumgesprochen, dass Offenbach ein interessanter Ort ist. Hier hast du noch Freiräume und die Aussicht auf ein günstiges Atelier, eine günstige Wohnung oder eine Industriehalle, in der du ein Experiment machen kannst.

Es werden immer Vergleiche angestellt: Offenbach könnte so etwas sein wie Berlin-Kreuzberg, das zum Trendwohnviertel wurde. Ist Offenbach das Kreuzberg Frankfurts?

Die Vergleiche sucht man. Vor allem wenn du mit Maklern und Stadtentwicklern redest, steht das im Raum. Ich finde es schwierig. In Städten wie Hamburg oder Berlin machen in wenigen Jahren komplette Stadtteile einen Wandel durch. In unserer Region dauert so was viel länger. Es fehlt die ‘kritische Masse’, also die Anzahl an urbanen Pionieren, Künstlern und Co., die ein Viertel hip werden lassen. Schon deshalb ist es nicht vergleichbar. Der regionale Kontext hat eine viel größere Relevanz. Wiesbaden, Mainz, Darmstadt, Offenbach, Frankfurt. Fünf Städte. Jede hat ihre Rolle. Frankfurt ist das absolute Zentrum. Offenbach ist der eher rauere Part der Region, dafür aber auch noch der gestaltbarere Teil. Wenn Offenbach irgendwo in Brandenburg auf der grünen Wiese wäre, dann wäre es für Menschen wie mich sicherlich schwieriger, hier zu leben. Doch hier ist man in 15 Minuten am Schauspiel, aber es gibt bezahlbaren Wohnraum. In der progressiven Szene hat Offenbach einen guten Ruf. Da muss man sich auch nicht dafür entschuldigen, dass man in Offenbach ist.

Mit den OFLovesU-Touren haben Sie 2009 ein Konzept gefunden, Offenbach auf eine andere Art und Weise vorzustellen. Warum ist es Ihrer Meinung nach zu einem Erfolg geworden?

Unser Anspruch ist ein kultureller, wir wollen ein Erlebnis schaffen. Wir sind keine Patrioten. Es steht nicht im Vordergrund, jemanden zu einer Liebe zu Offenbach zu zwingen. Wir machen einfach das, worauf wir selber Lust haben: Nehmen sie in die ganzen kleinen, tollen Lebensmittelläden mit oder in die zahlreichen Designbüros im Nordend. Die Leute mögen das.

Wie viele Teilnehmer kommen aus Offenbach?

Etwa die Hälfte. Viele kommen aus der Region. Einige haben bis in die achtziger Jahre in Offenbach eingekauft. Danach sind sie nur noch durchgefahren. Für sie ist es jetzt ein Erlebnis. Deshalb ist unser Slogan auch: ‘Entdecke die Stadt. Neu.’

Was sagen die Offenbacher?

Die Älteren waren erst einmal skeptisch. Schauen einen von oben nach unten an, weil wir Zugezogene sind. Ganz nach dem Motto: ‘Jetzt kommen die jungen Leute und wollen uns was über unsere Stadt erzählen.’ Aber wir laden die Leute ein, ihren Senf dazuzugeben. Dadurch entstehen tolle Momente. Wenn du in der Heyne Fabrik bist und jemand erzählt, dass er dort 30 Jahre gearbeitet hat. Und jetzt hat sein Neffe dort eine schniecke Werbeagentur. Am Ende hat jeder, egal ob Ur-Ur-Offenbacher oder nicht, was neues entdeckt.

Die OFLovesU-Touren sind nur ein Projekt des Urban Media Projects. Was gibt’s Neues?

Brandaktuell ist der Raumfinder. Eine Art Schwarzes Brett für provisionsfreien Wohn- und Arbeitsraum. In Kooperation mit der HfG wollen wir gerade jetzt, wo viele Studenten in die Region kommen, der Wohnungsnot entgegen wirken. Wir sind keine Makler, nur Vermittler. Für Mieter und Vermieter ist es kostenlos. Generell wollen wir Menschen das Ankommen und das Wohnen in der Stadt einfach machen. Mit der www.oflovesu.com-Seite bieten wir einen Werkzeugkasten für das Leben in der Stadt. Dazu gehört der Facebook-Auftritt ‘Like Offenbach’ und die OFlovesU-Touren, die einen an die Hand nehmen.

Offenbach wird meist auch mit Fluglärm verbunden. Das schmälert doch auch unter den Kreativen die Lust in Offenbach zu wohnen.

Das mag ich gar nicht abstreiten. Es ist ein wichtiger Faktor für Offenbach. Da wird hart an der Lebensqualität gearbeitet, aber so was reißt dann einiges wieder ein. Es gibt aber dennoch ganz unterschiedliche Einstellungen. Es gibt Leute, die stört es extrem. Das verstehe ich wirklich. Andere gehen damit irgendwie um. Ich wohne im Mathildenviertel. Da schallt es manchmal so richtig durch die Straßen. Trotzdem, als jemand der in einer Stadt (Tel Aviv) aufgewachsen ist, in der die Flieger drüber rauschen und es aber nicht mal ein Wort für Fluglärm gibt, blende ich es meist aus.

Können Sie sich vorstellen in die Lokalpolitik zu gehen?

Nein. Nicht wirklich. Ich schätze es sehr, wenn Leute in die Politik gehen. Aus den richtigen Gründen, weil sie auch ihre Umgebung mitgestalten wollen. Aber als Politiker wäre ich zu vielen Zwängen ausgeliefert.

Wo sehen Sie Offenbach in 25 Jahren?

Ich sehe Offenbach da wieder im Kontext mit der Region. Ich glaube, wenn wir die Sachen richtig machen, dann wird die Region als solche zusammen wachsen, die Städte aber ihre eigen Kultur behalten. Ich hoffe, dass die Tradition nicht das Geschehen bestimmt, sondern eine konstruktive Rolle spielt. Offenbach soll letztendlich ein spannender, bunter Ort bleiben.

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