Löffeln oder trinken?

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Schaum löffeln? Bitte nur in privater Runde, sagt Monika Wohlmuth.

Schwalbach – „Gesundheit“ wünschen nach einem Nieser? Darf man sich als Frau heute noch die Tür aufhalten lassen? Monika Wohlmuth, Trainerin für Umgangsformen, erklärt im EXTRA-TIPP-Gespräch, worauf vor allem Frauen achten müssen. Von Julia Renner

Gibt es etwas wichtiges neues in Sachen Benehmen, das sich in den vergangenen Jahren geändert hat?

Diese Frage ist unterschiedlich zu beantworten, je nach dem Alter der Teilnehmerinnnen. Man kann jetzt keine Sache nennen, die vor fünf Jahren ganz anders war. Gerne wird nach dem Wünschen von Gesundheit gefragt. Bei beruflichen Zusammenkünften, zum Beispiel jetzt in dieser Zeit, wenn mehrere Pollenallergiker zusammensitzen. Wenn man nach jedem Niesen ‚Gesundheit‘ sagt, kann man die Veranstaltung auch abblasen, weil man zu nichts mehr kommt. Im Privaten erwarten wir nicht nur den freundlichen Gesundheits-Gruß, sondern meist ist es den anderen selbst auch ein Bedürfnis, demjenigen, der niest, ein Zeichen der Aufmerksamkeit und mitfühlenden Zuwendung zukommen zu lassen.

Gibt es Umgangsformen, die Frauen beachten müssen?

Auf jeden Fall. Das bezieht sich besonders aufs Berufsleben. Da haben sich die Spielregeln mit der Emanzipation verändert. Wir haben unser Feld erkämpft, aber alles hat seinen Preis. Wir sind den Damenstatus los geworden. Früher galt ja im Prinzip die Regel, dass der Dame zum Beispiel die Tür aufgehalten wird. Jetzt geht es im Berufsleben nur noch nach Hierarchie. Das heißt: Beim Tür aufhalten, in den Mantel helfen – das sind Dinge, die Frauen nicht mehr erwarten sollten. Solche Kavaliersgesten kommen natürlich trotzdem und dann haben einige Frauen manchmal ein Problem damit, die Geste anzunehmen. Man fühlt sich dann zurückgestuft in etwas Hilfsbedürftiges, auch wenn das Gegenüber das vielleicht gar nicht beabsichtigt hat.

Was macht man als Frau denn, wenn jemand eine solche Geste macht?

Man guckt sich alle Signale genau an. Wenn der Mann einen gönnerhaften Blick hat, die Geste sogar mit einer komischen Bemerkung garniert wird, spürt man selbst, dass da eine Kavaliersgeste missbraucht wird. Man spürt, ob die gesamte Situation stimmig ist. Da geht es auch ums Bauchgefühl. Bei einem Geschäftsessen zum Beispiel, wenn man etwa Geschäftsführerin, also Einladende ist, bezahlt man natürlich auch. Dann ist es schwierig, ob man sich vom Kunden aus dem Mantel helfen lassen möchte. Dann muss man sich über das Rollenbewusstsein im Klaren sein. Wenn man abends mit dem Freund ausgeht, der einem in den Mantel hilft, ist es viel leichter, das anzunehmen.

Also ist Fingerspitzengefühl eine wichtige Sache, weil ein und die selbe Sache in unterschiedlichen Kontexten nicht das gleiche bedeutet?

So ist es. Deswegen führe ich immer den Begriff des Taktgefühls mit ein. Damit man niemandem zu nahe tritt oder beschämt. Auch gehört dazu, dass Benehmen unauffällig bleibt. Also beispielsweise, wenn ein Mann einem anderen die Hand geben möchte und ein Neun-mal-Kluger sagt ‚Ladies first‘ – das ist nicht taktvoll, einen Mann vor der versammelten Mannschaft bloßzustellen. Wenn jemand etwas falsch gemacht hat, hilft manchmal der Regelbruch, damit niemand das Gesicht verliert. Das ist der eigentliche Sinn von Umgangsformen.

Sie ermuntern auch mal zum Regelbruch. Wie muss man das verstehen?

Man sagt zum Beispiel, dass der Cappuccino-Schaum nicht gelöffelt wird. Aber das ist doch das Beste am Cappuccino. Da hat mal jemand gesagt: Das ist ein Getränk, deshalb wird der Schaum nicht gelöffelt. Wenn ich gemütlich im Café sitze, nehme ich mir aber die Freiheit. Wenn ich aber beim Geschäftstreffen bin, bestelle ich dann keinen oder lasse den Schaum drin.

Monika Wohlmuth referiert am Montag, 23. April, ab 20 Uhr im Schwalbacher FrauenTreff am unteren Marktplatz.

 

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