Letzter Ausweg: Billiger Sex auf Frankfurts Schwulenstrich

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Aufklärung und Prävention: Karin Fink und Streetworker Mathias Weber füllen Infomaterial und kostenlose Kondome für die Stricher auf.

Frankfurt – Von etwa 2300 Prostituierten in Frankfurt sind ungefähr 700 männlich. Diejenigen, die den Weg in die Kriseninterventionsstelle nehmen, sind keine professionellen Callboys, sondern junge heterosexuelle Männer, die für ihre Familien anschaffen gehen. Von Dirk Beutel

Auch Gleitmittel bekommen die Stricher im KISS kostenlos. Mit dem Dildo erklären die Mitarbeiter, wie man ein Kondom überzieht.

Sie stehen nahe des Frankfurter Stadtkerns. Und doch wandern sie nur am Rand der Gesellschaft: Männliche Prostituierte. Viele von ihnen stammen aus Südamerika, Rumänien oder Bulgarien, wollen ihre Familien daheim finanziell unterstützen. Doch der Traum vom großen Geld in Deutschland platzt für fast jeden von ihnen. Sie sprechen kein Deutsch, haben keine Schul- oder Berufsausbildung, keine Arbeitserlaubnis. Weil die meisten trotz der ausweglosen Lage nicht kriminell werden wollen, wählen sie den Schwulenstrich in der Frankfurter Alten Gasse: Endstation Armutsprostitution.

Ein Ort, wo diese jungen Männer nicht ausgenutzt werden, ist die Kriseninterventionsstelle für männliche Prostituierte (KISS). Dort finden die Stricher Schutz, können sich ausruhen. Acht Betten stehen dort tagsüber zur Verfügung. Auch ganz alltägliche Sachen sind möglich: Wäsche waschen, duschen, kochen in der Gemeinschaft. Einmal in der Woche kommt ein Arzt vorbei. Und das KISS ist ein Ort der Beratung und Information: „Viele der Stricher sind nicht aufgeklärt oder haben immer noch mythische Vorstellungen von Krankheiten“, erklärt Karin Fink. Seit zwanzig Jahren kümmert sie sich um, wie sie sagt, unprofessionelle Stricher: „Es sind keine echten Callboys. Im Gegenteil: Sie können Grenzen in sexueller Hinsicht nicht abschätzen und kennen ihren Preis nicht“, sagt die Pädagogin.

Große Konkurrenz und Freier zahlen schlecht

Einheitspreise gebe es auf der Straße nicht, die Freier zahlen schlecht und die Konkurrenz ist groß. Oralverkehr sei daher bereits für ein paar Euro zu haben. Sex ohne Kondom ist schon für einen geringen Aufpreis möglich. Am Ende des Monats bleiben den Strichern zwischen 200 und 350 Euro übrig. Geld mit dem die eigene Familie versorgt werden soll. Womit viele nicht klarkommen ist ihre sexuelle Neigung: Etwa 90 Prozent der KISS-Besucher sind hetero. „Dass sie mit homosexuellen Praktiken ihr Geld verdienen müssen, macht viele unserer Klienten aggressiv“, sagt Fink: „Auch gegen sich selbst. Das kann bis zum Selbstmord gehen“. Dazu kommt das allgegenwärtige Abhängigkeitsgefühl gegenüber den Freiern.

Deshalb setzen Karin Fink und ihre beiden Mitarbeiter Marcello Kloss und Mathias Weber auf Beziehungsarbeit. Sie wollen das Selbstwertgefühl der Stricher wieder aufbauen: „Gerade für Hetero-Männer ist es nicht einfach, zuzugeben, dass sie sich beim Sex nicht wehren konnten. Der Schwächere waren“, sagt Fink. Ihre Arbeit wird gesellschaftlich kaum anerkannt. Deshalb steht die Finanzierung der Kriseninterventionsstelle stets auf wackeligen Beinen.

Auch für die Stricher ist es ein täglicher Kampf ums Überleben. So gut wie jeder ist obdachlos. Wenn das KISS abends schließt, müssen die männlichen Huren bei einem Freier übernachten oder sich irgendwo ein billiges Hotelzimmer suchen. Schwierig werde es vor allem an den Wochenenden, da hat das KISS komplett geschlossen: Fink: "Der wunde Punkt unserer Versorgung. Einige unserer Besucher müssen auch bei Minustemperauren draußen schlafen.“

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