Neues Beratungsangebot an Goethe-Uni

Leistungsdruck macht Studenten psychisch krank

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Immer mehr Studenten nehmen psychosoziale Beratung in Anspruch. Die hohe Belastung und der zunehmende Leistungsdruck schlägt vielen auf die Seele.
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Region Rhein-Main – Wachsender Zeitdruck, komprimierter Lehrplan, Angst um die eigene Zukunft: Immer mehr Studenten leiden unter psychischen Beschwerden. Die Goethe-Universität  hat reagiert und eine neue Beratungsstelle ins Leben gerufen. Von Dirk Beutel 

Wenn das Studieren krank macht: Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen – Noch bevor Studenten überhaupt in die Berufswelt einsteigen, sind sie schon erschöpft und ausgebrannt. Etwa ein Viertel aller Studenten erwischt es. Und die Zahl wird von Jahr zu Jahr größer. Nach Angaben des Deutschen Studentenwerks (DSW) haben 2003 etwa 58.000 Studenten ein Beratungsangebot in Anspruch genommen. 2012 waren es fast 96.000. „Stress gehört zum Alltag von Bachelor-Studierenden“, sagt DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. „Schwierig wird es für viele, wenn neben dem Studium auch weitere Stressfaktoren wie Studienfinanzierung und der Nebenjob hinzukommen. Das kann in der Summe den Studienerfolg gefährden.“ Die Studienstrukturreform mit der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse zwinge Studenten schon sehr früh, sich mit den großen Fragen des Studiums auseinander zu setzen: Studiert man das Richtige? Schaffe ich das? Will ich das?

Immer mehr Studenten brauchen Hilfe

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In Frankfurt hat jetzt das Studentenwerk reagiert und eine neue psychosoziale Beratungsstelle gegründet. Dort sitzt Psychologe Kevin Mara. Seit Januar berät der 34-Jährige Studenten, die den Weg zu ihm in die Beratungsstelle im Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend einschlagen. Und das sind nicht wenige. Keine drei Wochen habe es gedauert, bis sein Terminbuch gut gefüllt gewesen sei. „Wir haben zwar mit einer hohen Nachfrage gerechnet, aber der Ansturm so kurz nach der Bekanntmachung der Beratung ist schon überraschend.“ Zu Mara kommen Studenten mit unterschiedlichen Problemen: Antriebsschwäche, mangelndes Selbstwertgefühl, Angst, Depressionen oder Suchtprobleme.

Bachelor-Master-Reform lässt den Druck im Studium steigen

Kommentar zur Reform der neuen Studiengänge

Durch die Bachelor- und Masterstudiengänge ist der Druck auf Studenten gewachsen. Das sieht Mara ähnlich: „Die Lehrpläne lassen immer weniger Selbstentfaltung zu, und die Studienauflagen sind strenger geworden. Die Studenten haben kaum noch Zeit fürVereine, Freizeit oder zum Jobben“, sagt Mara. Komme dann noch ein Problemfall aus dem privaten Bereich hinzu, ein Todesfall oder der Partner macht Schluss, wissen Betroffene oft nicht mehr weiter. Die Folge: Um zumindest mit dem Lernstoff und mit der Konkurrenz klarzukommen, greifen Studenten nicht selten zu Wachmachern oder anderen stimulierenden Medikamenten. Andere wiederum flüchten sich in die Isolation.

Junge Studenten sind am meisten gefährdet

Ein besonderes Phänomen sind Studenten, die jung eingeschult wurden, keinen Zivil- oder Wehrdienst absolviert haben und durch G8 sich tatsächlich schon mit 17 Jahren in die Hörsäle setzen. „Diese Studenten befinden sich in einer völlig anderen Lebenssituation, haben einen anderen Reifegrad und sind entsprechend verunsichert“, sagt Mara: „Bei so jungen Studenten ist es wenig verwunderlich, dass sie in eine Identitätskrise geraten.“

Sein Job ist es, Vertrauen aufzubauen, die Betroffenen auf Augenhöhe zu beraten. Anonym versteht sich. Er schätzt ein, ob weiterer Beratungsbedarf besteht oder eine Psychotherapie das Beste wäre. Mara hilft in solchen Fällen bei der Kontaktaufnahme und kennt die entsprechenden Stellen. Auch falls eine stationäre Behandlung nötig wäre. „Das ist aber noch nicht vorgekommen“, sagt Mara.

Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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