Die Leber eines Toten rettete Marion Hentschel das Leben

Das „zweite Wohnzimmer“: Marion Hentschel vor Haus 11 der Uniklinik.

Frankfurt – Dass sie an den Krankheiten mit den komplizierten Namen einmal sterben könnte, daran hatte Marion Hentschel lange nicht gedacht. 17 Jahre war sie alt, als sie die Diagnose bekam. Ihr ging es gut, jahrelang. Bis eines Tages der Körper nicht mehr richtig funktionieren wollte. Ohne Leber-Transplantation hätte sie nicht einmal ihren 30. Geburtstag feiern können. Von Julia Renner

Bei einer Routineuntersuchung stellten die Ärzte fest, dass Marion Hentschels Leberwerte erhöht sind. Primäre Sklerosierende Cholangitis und Autoimmun Hepatitis lautete die Diagnose. Schnell machten die Ärzte klar, dass es dagegen keine Medikamente gibt, die Krankheit ist unheilbar. „Damals habe ich das nicht so ernst genommen, ich hatte ja keine körperlichen Beschwerden“, erzählt die 31-Jährige heute.

Einige Jahre ging es gut, auch wenn die Werte stetig weiter stiegen. Im Jahr 2003 änderte sich alles schlagartig. „Ich hatte plötzlich hohes Fieber, Schüttelfrost, die Leberwerte explodierten.“ Bakterien und Entzündungen in der Leber kamen immer wieder auf. Sie wurde „gelb wie eine Zitrone“, oft bestand Lebensgefahr.

Seitdem war die junge Frau aus Oberursel ständig in der Frankfurter Uniklinik. Von Lebensqualität konnte für sie und ihren Mann Michael keine Rede mehr sein. „Ich war völlig abhängig vom Krankenhaus“, sagt sie. An Urlaube war nicht zu denken, auch ihre Arbeit als Erzieherin musste sie schließlich aufgeben.

Mehr als ein Jahr auf der Warteliste

Irgendwann musste sie sich mit der Frage auseinander setzen, ob sie das Organ eines toten Menschen annehmen könne. Sie konnte. „Ich hatte ja keine Chance. Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte ich sterben können.“ Sie kam auf die Warteliste für ein Spenderorgan. Damit begann das Hoffen und Warten. 24 Stunden musste sie fortan erreichbar sein, musste innerhalb von zwei Stunden zur Klinik kommen können. Denn wenn ein Organ verfügbar ist, muss alles ganz schnell gehen.

Mehr als ein Jahr musste sich Marion Hentschel jedoch noch gedulden. Zwei Mal pro Woche wurde sie in der Ambulanz untersucht, alle vier Wochen kam sie stationär ins Krankenhaus. Dennoch ging es immer schneller bergab. „Mir ging es immer schlechter, ich wurde immer schwächer. Ich habe mit meinem gesunden Verstand zugeschaut, wie mein kranker Körper zerfällt. Und das in einem Alter, in dem andere feiern gehen.“

Auch für ihren Mann Michael war es eine schlimme Zeit. Als Leberspender war er abgelehnt worden, da die Blutgruppen nicht übereinstimmten. „Wir wussten nicht, wie es weitergeht. Das ganze Leben drehte sich nur um die Krankheit.“

Bis zu diesem einen Anruf. Vor etwas mehr als zwei Jahren klingelte das Telefon. Marion Hentschel sollte ins Krankenhaus kommen, aus Hamburg könnte bald eine passende Leber kommen. „Da habe ich gleichzeitig gelacht und geheult.“ Voller Hoffnung ist sie mit ihrem Mann in die Uniklink gefahren. Bis spät in die Nacht haben sie gewartet, passiert ist nichts. Schließlich ist ihr Mann nach Hause gefahren, Marion Hentschel schlief in der Klinik.

Morgens um fünf hieß es dann plötzlich: „Es geht los.“ Eine halbe Leber bekam sie. Die andere, kleinere Hälfte rettete bereits einem Baby das Leben.

Fremdkörper im eigenen Körper

Schnell kam die 31-Jährige wieder auf die Beine. Heute arbeitet sie wieder Teilzeit, genießt Urlaube. Medikamente wird sie immer nehmen müssen, da ihr Körper versucht, das fremde Organ abzustoßen. Auch mit dem Risiko, dass die Krankheiten wieder ausbrechen können, wird sie leben müssen. Doch Marion Hentschel ist Optimistin.

4.325 Organtransplantationen wurden 2010 gemacht. So viele wie noch nie. Trotzdem sterben jeden Tag drei Menschen in Deutschland, weil sie kein Organ bekommen. Marion Hentschel hofft, dass mehr Menschen sich bereit erklären, zu spenden. Wenn „ihr“ Spender nicht gewesen wäre, würde die junge Frau heute wohl nicht mehr leben.

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