Lebensretter dringend gesucht

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Jutta Kohaut (mit Halstuch) und Zwillingsschwester Karin Weide halten zusammen gegen die seltene und lebensgefährliche Erbkrankheit HAE.

Frankfurt – Ohne Plasmaspenden können Karin Weide und Jutta Kohaut nicht leben. Die Zwillingsschwestern aus Frankfurt leiden an einer seltenen und unheilbaren Krankheit: Das Hereditäre Angioödem (HAE). Das kann dazu führen, dass die Atemwege anschwellen und die Betroffenen ersticken. Das gewonnene Plasma aus dem Blut der Spender wird zu Medikamenten verarbeitet, und die sind lebensrettend für die Schwestern. Von Angelika Pöppel

Mitten in der Nacht wird Karin Weide aus dem Schlaf gerissen. Sie spürt, wie sie immer schlechter Luft bekommt. „Jetzt ist alles vorbei“, denkt sie. Panisch ringt sie nach Luft, versucht sich selbst zu beruhigen und es klappt. Die Schwellung an ihrem Kehlkopf geht zurück. „Das ist nochmal glimpflich ausgegangen“, sagt die 47-Jährige. Beinahe wäre sie erstickt. Heute kann sie sich im Notfall selbst ein Präparat spritzen, das aus Blutplasma hergestellt wird. „Ohne die Plasmaspende würde es mich schon längst nicht mehr geben“, sagt Karin Weide, Mutter von drei Kindern. Sie leidet an HAE. Die Krankheit verursacht Schwellungen am Körper und an den Schleimhäuten. Im schlimmsten Fall schwellen die Atemwege zu. Auch ihre Zwillingsschwester Jutta Kohaut leidet seit ihrer Kindheit an der Erbkrankheit.

Symptome raubten einen Teil ihrer Kindheit

Eine Spenderin lässt sich im Plasmacenter in Offenbach Blut entnehmen.

Zu den Symptomen gehören auch starke Magenkrämpfe. Deshalb haben die beiden in ihrer Kindheit viel Zeit im Krankenhaus oder zu Hause im Bett verbracht. „Als Kinder mussten wir stark zurückstecken“, sagt Jutta Kohaut. Immer wieder stempelten Ärzte die Schwestern als übersensibel ab. Sie schluckten jahrelang Medikamente, ließen zahlreiche Magen- und Darmspiegelungen über sich ergehen. Nichts half. Jutta Kohaut wurde im Kindesalter auch der Blinddarm entfernt – heute zweifelt sie an der Notwendigkeit des Eingriffs.
Oft sei HAE nicht einmal Ärzten bekannt, geschweige denn den Betroffenen selbst, sagt Mediziner Wolfhart Kreuz von der Universitäts-Kinderklinik Frankfurt. Fehldiagnosen sind an der Tagesordnung. Die sichtbaren Schwellungen an der Haut werden oft für eine allergische Reaktion gehalten.

Jede Spende rettet Leben

Erst nach zehn Jahren entdeckten Ärzte die Krankheit bei den Zwillingsschwestern. Ihnen fehlt im Blut ein wichtiges Protein, das bei einer akuten Attacke in die Vene gespritzt wird und die Schwellung sofort lindert. Dieses Protein kann aus dem Blutplasma eines Spenders gewonnen werden. „Wir können gegen die plötzlichen Attacken angehen und leben nicht mehr in ständiger Angst“, berichtet Jutta Kohaut. Die Schwestern sind wie rund 1600 Patienten in Deutschland auf Plasmapräparate angewiesen. Die Dunkelziffer sei weitaus höher, sagt Mediziner Kreuz.

Doch es fehlen Spender. Auch in Offenbach. Das einzige Plasmacenter in Hessen braucht dringend rund 500 Spender mehr. Und nicht allein die von Karin Weide und Jutta Kohaut.

Jeder zwischen 18 und 59 Jahren kann Blutplasma spenden. Zuerst führen die Mitarbeiter des Plasmacenters in Offenbach einen Gesundheitscheck durch. Anders als bei der Blutspende wird nur das eiweißhaltige Plasma aus dem Blut gefiltert. Die roten Blutkörperchen werden dem Körper wieder zugeführt. Die Prozedur dauert 45 Minuten. Pro Spende gibt‘s eine Entschädigung von 20 Euro.

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