Sie lassen die Puppen tanzen

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Während Lilo Schütrumpf die Puppen schneidert und die Kulissen gestaltet, ist Diether Caspritz für die Technik und das Manuskript bei der Tonaufnahme zuständig.

Schwalbach – Glänzende Kindergesichter und Tränen in den Augen von Erwachsenen: Das gelingt Lilo Schütrumpf und Diether Caspritz mit ein paar Styroporkugeln, Farbe und viel Fantasie. Die Schwalbacher verzaubern mit über 550 selbstgemachten Puppen große und kleine Märchenfreunde. Von Andreas Einbock

Der Keller ist eine wahre Schatztruhe, an der nicht nur die Brüder Grimm ihre Freude hätten. In über 50 Kisten liegen Puppenköpfe, Mini-Kleider und Holzfiguren. „Mit der Zeit habe ich über 550 Puppen gebastelt“, sagt Lilo Schütrumpf und zupft die Figur des Kleinen Prinzen zurecht. Sechs bis zwölf Stunden habe sie in jede Puppe gesteckt. „Das hängt natürlich vom Gesichtsausdruck und den Haaren ab“, sagt die gelernte Schneiderin.

Säuberlich sortiert hängen bunte Stoffe auf Holzstäben an der Wand.„Das ist aus ‚Die Schöne und das Tier‘“, sagt die agile 79-Jährige, während sie durch die etwa 100 Hintergründe blättert. Die sind mit so feiner Feder gezeichnet und mit Ornamenten verziert, dass man den immensen Arbeitseinsatz nicht einmal ansatzweise erahnen kann. Liebe zum Detail steckt auch in den 20 Märchenpostern.

Mit liebevoll gemalten Plakaten kündigen sie ihre Vorstellungen selbst an.

Begonnen hat alles über der Stuhllehne im Wohnzimmer.„Mit ein paar Stofftieren habe ich meiner Enkelin Anita kleine Geschichten vorgespielt. Die war so begeistert, das ich mir überlegte, mehr daraus zu machen“, erinnert sich Schütrumpf, die bereits damals im Schwalbacher Jazz-Club Dekorationen gestaltete.

Mit ihrer fünf Jahre älteren Schwester nimmt sie sich Märchentexte vor und schreibt Theatermanuskripte. Schütrumpf: „Sie hat eher den Blick fürs richtige Schreiben. Ich bringe mehr die Kreativität ins Spiel.“ Sie modelliert die Puppenköpfe, schneidert Kostüme und gestaltet die Kulissen für die Fantasiewelt, die seit 1988 als „Lilos Puppentheater“ bei mehr als 500 Auftritten in Schulen, Museen, Kinder- und Vereinsfesten Groß und Klein verzaubert hat.

Wenn das Wohnzimmer zum Atelier wird

Seitdem sind 16 Stücke – vom Froschkönig über Rotkäppchen, der gestiefelte Kater und die kleine Hexe – in liebevoller Kleinarbeit für eine Spieldauer von 30 bis 50 Minuten entstanden. Und das geschah immer in ihrer Stube. „Da wird das Wohnzimmer zum Atelier“, sagt die Puppenspielerin und ergänzt: „Wir haben dabei so viel Spaß, dass wir manchmal nicht mehr aus dem Lachen rauskommen. Wie zum Beispiel mit der Räuberszene bei den Bremer Stadtmusikanten. Da mussten wir vier Mal neu ansetzen.“ Mit „wir“ meint die dreifache Oma ihre Schwester, die beiden Söhne, die Enkeltöchter und Freunde. Schütrumpf: „Wir sitzen dann am Tisch und sprechen die Texte aufs Band.“

Für das ist ihr Lebensgefährte Diether Caspritz zuständig, der am Schluss die Aufnahmen schneidet und mit Musik und Geräuschen unterlegt.„Wir nehmen alles noch in der alten Technik auf. Auf die digitale Technik wollen wir nicht mehr umsteigen“, sagt Caspritz und deutet das Schicksal der märchenhaften Theateridee an. Schütrumpf: „Neue Puppen kann ich nicht mehr schneidern, weil ich inzwischen auf dem linken Auge blind bin.“

Von Auftritten hält das die beiden Senioren nicht ab. Beim Schwalbacher Altstadtfest am 18. Juni werden sie die Märchen Rumpelstilzchen und die Bremer Stadtmusikanten aufführen.

 

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