Landesschulsprecherin fordert mehr gemeinsames Lernen

„Wir müssen aufhören, nach der vierten Klasse auszusortieren“

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Schule sollte mehr auf das Leben vorbereiten: Hessens Landesschulsprecherin Fevzije Zeneli fordert mehr Chancengleichheit bei der Bildung sowie mehr Förderung von individuellen Fähigkeiten.

Ein Gedicht analysieren, aber keine Ahnung von Versicherungen oder Steuern: Fevzije Zeneli  ist hessische Landesschulsprecherin und verrät, warum Schule am Leben vorbeigeht, was sich an Lehrplänen ändern muss, und warum G8 im Nachhinein ein Fehler war. Von Dirk Beutel 

Eine Kölner Schülerin behauptete im Netz, man lerne für die Schule, nicht fürs Leben: Sie habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen, aber sie könne eine Gedichtanalyse  in vier Sprachen schreiben. Geht Schule am Leben vorbei?

Um ehrlich zu sein: Ja. Schule  sollte auf das Leben vorbereiten und uns auf dem Weg zu selbstkritischen mündigen Bürgern begleiten. Doch was Schule heutzutage macht, ist alles andere, als uns bei der Charakterbildung zu unterstützen. Ich erlebe es täglich in der Schule, dass Schüler die Verbindung zum Alltagsleben komplett fehlt und sie sich natürlicherweise fragen, was der ganze Schulstoff für einen Sinn hat und einem persönlich bringen soll.

Das zuständige Schulministerium konterte: „Schule kann nicht immer alles allein lösen, es sind natürlich auch die Eltern gefragt.“ Was wäre denn deren Job?

Das bekommt man ständig zu hören. Natürlich spielen Eltern eine große Rolle in der Erziehung und Entwicklung des Kindes. Die Bildung darf weder von der sozialen Herkunft, der Nationalität noch vom Geschlecht oder gar dem Geldbeutel der Eltern abhängen. Und genau das ist der Punkt. ‘Jeder hat ein Recht auf Bildung’, das ist mit der am meisten gesagte Satz in der Bildungspolitik, aber dann sollte auch jeder die gleichen Chancen haben. Und da fängt es an zu scheitern. Weil Schüler aus bildungsfernen Familien nicht die dafür notwendige Unterstützung aus dem Elternhaus erfahren, weil man aufgrund einer Behinderung an einer Schule abgelehnt wird, oder weil man die Mittel zur Finanzierung nicht hat. Eltern sollen ihre Kinder unterstützen, das steht außer Frage, aber genauso muss Schule barrierefrei sein und auch Eltern bei ihrer Erziehung unterstützen.

Konkret: Was muss sich am Lehrplan oder in der Struktur ändern?

Also, es ist bestimmt schön Gedichte in vier Sprachen analysieren zu können, aber was wirklich wichtig für das Leben ist, sind die sozialen Kompetenzen oder sogenannten Schlüsselkompetenzen. Wie man diskutiert, in einer Diskussion auf verschiedene Quellen und Belege zurückgreift, auf die Meinung anderer eingeht, sich vor einer größeren Menge bei einer Präsentation verhält, wichtige Informationen aus Gesprächen und Artikeln filtert, mit Menschen in Gruppenarbeit arbeitet, Problemlösungswege findet, selbstständig lernt und vieles mehr. Um diese Kompetenzen zu vermitteln, sollte der Lehrplan nicht nur fächerübergreifend, sondern jahrgangsübergreifend sein. Der pädagogische Auftrag der Schulen erfordert es, dass Persönlichkeitsbildung und die Förderung individueller Fähigkeiten wie Kreativität, analytisches Denken oder Sprachbegabungen eine zentrale Rolle des Schullebens darstellen. Es muss einen rhythmisierten Schultag geben, eine Mischung aus lernen und leben. Keine Selektion nach der Grundschule, kein mehrgliedriges Schulsystem, sondern gemeinsames Lernen.

Zu Englisch, Mathe, Chemie noch Steuer-, Miet- und Versicherungslehre. Wird die Schule damit nicht überfrachtet?

Es geht nicht darum, mehr Fächer anzubieten, sondern die Art und Weise, wie die dazu notwendigen Kompetenzen vermittelt werden. Meiner Meinung nach ist das fächerübergreifende Lernen für eine vielfältige und nachhaltige Bildung unerlässlich. Bei dieser Form werden Unterrichtsschwerpunkte miteinander vernetzt.

Welchen Herausforderungen muss sich Schule in Zukunft außerdem stellen?

Gerade in so einer Zeit, in der immer mehr Menschen ihr Glück in einem anderen Land suchen, weil sie verfolgt werden und unter den schlimmsten Zuständen leben, müssen wir unsere Integration und Inklusion in Schule fördern und weiterentwickeln. Deutschland ist bunt, und das ist gut so. Wir sollten die kulturelle Vielfalt fördern und in den Unterricht miteinbeziehen, damit wir vor allem die Distanz zwischen den Nationalitäten reduzieren und wir respektvoll miteinander leben.

In Deutschland hängt der Bildungserfolg immer noch maßgeblich von der sozialen Herkunft ab. Was kann man mehr für die Chancengleichheit tun?

Mehr Durchlässigkeit fällt mir gleich dazu ein. Mehr individuelle Förderung, eine komplette Lernmittelfreiheit und inklusive Schulen. Das Schulsystem weist noch so viele Hürden auf, die nicht jede Familie überwinden kann. Allein ich zahle zum Beispiel für mein Zugticket jährlich 538 Euro, für Schulmaterial pro Halbjahr nochmal etwa 70 Euro dazu. Das sind Kosten, die eine sozial schwache Familie nicht stemmen kann. Auch der Ruf der Hauptschulen wird immer mehr zu einem großen Problem. Es gibt immer mehr Betriebe und Unternehmen, die keine Schüler mit einem Hauptschulabschluss  annehmen, weil Abitur gewünscht ist. Von einigen Freunden, die selbst Hauptschulen besucht haben, weiß ich, dass dort den Schülern schon ein negatives Bild über sich und ihre Zukunft übermittelt wird, dass jegliche Motivation zur Entwicklung und Bildung verschwindet. Das darf nicht sein. Man muss das Problem an der Wurzel packen und damit aufhören schon nach der vierten Klasse auszusortieren, denn dann entsteht diese soziale Chancenungleicheit erst recht.

War G8 im Nachhinein betrachtet ein Fehler?

Wäre G8 damals besser organisiert gewesen, hätte es möglicherweise geklappt. Wenn ich das jetzt überspitze hatten wir Studenten, die durch die Schule gehetzt wurden, nur wenig für das Leben gelernt haben, keine Zeit für sich hatten und Vorlesungen ab 18 Jahren dann nicht besuchen durften oder Klausuren von den Eltern unterschreiben lassen mussten. Also, das nächste Mal würde ich lieber mehr Zeit verwenden, über ein Konzept nachzudenken, damit es am Ende ein gutes Konzept wird, als einfach etwas einzuführen, weil es gerade für die Wirtschaft hilfreich ist.

Schafft die Gesamtschule mehr Bildungsgerechtigkeit  als die Schulen des gegliederten Schulsystems? 

Mehr auf jeden Fall, aber noch nicht genug. Seien wir ehrlich, man kann nicht schon nach der vierten Klasse deutlich erkennen, für welche Schulform das Kind geeignet ist. Es befindet sich mitten in der Entwicklungsphase und es dann schon in eine Schublade zu stecken ist schlichtweg der falsche Ansatz. Wir sprechen uns für eine Gemeinschaftsschule aus mit anschließender Modularisierten Oberstufe. Wir möchten, dass Schülerinnen und Schüler mit- und voneinander lernen und genug Zeit für die freie Entfaltung der Persönlichkeit haben. Die Gesamtschulen  sind schon mal ein guter und richtiger Schritt in die Zukunft.

Wie beurteilen Sie die momentane Entwicklung von Ganztagesschulen in Hessen? 

Ich möchte mich nicht die ganze Zeit beschweren, wie schrecklich alles ist, aber wenn ich mir anschaue wie Bildung in Hessen umgesetzt ist, hab ich keine andere Wahl als mich zu empören. Im Koalitionsvertrag wird von einem „Pakt des Nachmittags“ gesprochen, wir nennen es das Ganztagsschulmodell  light. Die Kommunen sollen die Ganztagsschulen finanzieren. Wir wissen doch alle wie wenig Geld die Kommunen haben, dann ist eine Verwirklichung von echten Ganztagsschulen unmöglich. Wir wollen nicht nur, dass Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht eine AG besuchen und spielen und kreativ sein können, nein, wir wollen einen schuleigenen Tagesrhythmus. Einen Ausgleich von Lernen und Leben. Optimal wäre es, wenn man Kooperationen mit lokalen Betrieben und Vereinen schließt und sie an Schulen verschiedene Möglichkeiten zur beruflichen und kreativen Weiterbildung anbieten. Doch bis dahin brauchen wir noch etwas.

Welche wichtigen Entscheidungen kamen für Sie beim jüngsten Bildungsgipfel  heraus? 

Die wichtigste Entscheidung, die mich persönlich sehr gefreut hat, war, dass sich der Bildungsgipfel darauf geeinigt hat, sich in den AGs mehr mit sozialer Ungerechtigkeit, wirklichen Ganztagsschulen und intensiv mit Inklusion zu beschäftigen. Das hat mir nämlich davor stark gefehlt, weil wir ziemlich oberflächlich über diese Themen geredet haben. Ich hoffe, dass sich nun tiefgründiger damit beschäftigt wird. Auch, dass sich Gedanken gemacht wurde über die Organisation und Zusammenstellung des Bildungsgipfels, ist schon einmal ein Schritt zur Besserung. Man kann nicht mit 70 Personen in einem Raum in 3 Stunden über solche lebenswichtigen Themen diskutieren und mit Vertreterinnen und Vertretern aus den verschiedensten Organisationen auf einen Konsens kommen. Da zeigte sich die Regierung etwas naiv. Aber will man jetzt etwas daran verändern. Wir werden alles trotzdem weiterhin kritisch mitbegleiten und beobachten.

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