Schrott-Zimmer und Miet-Abzocke

So läuft das miese Geschäft mit der Wohnungsnot

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Überhöhte Mieten, Massenbesichtigungen, Bruchbuden: Wer im Rhein-Main-Gebiet eine bezahlbare Wohnung sucht, muss sich auf einiges gefasst machen.

Region Rhein-Main – Gewissenlose Vermieter, unseriöse Vermittlungsportale und dreiste Makler: Der Wohnungs-Wahnsinn in Rhein-Main nimmt immer krassere Formen an. Studenten müssen sogar Schimmel und Bettwanzen in Kauf nehmen. Von Dirk Beutel 

Das Geschäft mit der Wohnungsnot der Menschen im Rhein-Main-Gebiet boomt. Die Mieten sind hoch, der Konkurrenzkampf ist enorm: Eine bezahlbare Wohnung zu finden wird immer schwerer. „Wegen des extrem angespannten Wohnungsmarktes, vor allem in Frankfurt, machen viele Vermieter aus der Not der Wohnungssuchenden ein lukratives Geschäft“, sagt Rolf Janßen, Geschäftsführer des Frankfurter Mieterschutzbundes. Dort häufen sich die Fälle, in denen vor allem Studenten extrem hohe Mieten für oft sehr kleine Zimmer zahlen müssen. Auch dass Mieter ihr Zimmer mit anderen Bewohnern teilen müssen, sei keine Seltenheit. „In solchen Fällen werden im Grunde nur Einzelbetten vermietet“, sagt Janßen. Besonders ein Fall ist ihm in Erinnerung geblieben, in dem ein möbliertes Zimmer für einen Quadratmeterpreis von bis zu 38 Euro vermietet wurde. „Betroffen sind vor allem junge unerfahrene Menschen von außerhalb oder die aus dem Ausland stammen, wo der Mieterschutz nicht so gut ausgeprägt ist, wie in Deutschland und die solche Machenschaften gar nicht ungewöhnlich finden“, sagt Janßen.

Besonders die bundesweit aktive Vermittlungsplattform „Medici Living“ hat einen schlechten Ruf bei den Mieterschützern. Dort werden online möblierte Zimmer zur Miete angeboten. Wer ein Objekt bucht, hat bereits einen Mietvertrag abgeschlossen und muss eine Reservierungsgebühr bezahlen, die einer Kaution gleichkommt, ohne je einen Fuß in das Zimmer gesetzt zu haben. „Entspricht die Wohnung aber nicht dem Angebot oder den Wünschen des Mieters, müssen die Opfer ihrem Geld hinterherrennen“, sagt Janßen. Zumal meist ein dreimonatiger Kündigungsausschluss im Mietvertrag geltend gemacht wird.

Kommentar: Politik muss gegensteuern

Dass außerdem noch Kosten für Reinigung oder Verwaltungsarbeiten draufgeschlagen werden, sei gängige Masche. Janßen: „Vielen bleibt ganz einfach keine Wahl. Sie schlucken deshalb die bittere Pille.“ Doch sie müssten es nicht tun, betont Christian Osthus, Leiter der Rechtsabteilung des Immobilienverbands Deutschland (IVD): „Kein Mietinteressent ist gezwungen, irgendwelche Voraus- oder Sonderzahlungen zu leisten.“ Seit der Einführung des Bestellerprinzips 2015 beobachte der Verband jedoch, dass immer mehr Wohnungen dem öffentlichen Marktangebot verloren gehen. „Vermieter, die nicht bereit sind, einen Makler entsprechend zu bezahlen, vergeben ihre Objekte dann lieber unter der Hand. Wer aus dem Umland kommt und eine Wohnung sucht oder niemanden kennt, hat das Nachsehen. Das spitzt die Wohnungsmarktsituation zu“, sagt Osthus.

Fotos: So lässt sich Schimmel vermeiden

Auch für den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) in Frankfurt ist die aktuelle Situation auf dem Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet nicht mehr tragbar. „Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum für die über 65.000 Studenten in Frankfurt“, sagt Juri Ghofrani Azar vom AStA-Vorstand: „Uns sind einige problematische Fälle bekannt. Darunter eine Studentin, die in einer Art Seniorenstift wohnen muss und dort mit Bettwanzen und Schimmel zu kämpfen hat.“ Das Problem: Viele Mieter wehren sich nicht gegen die dreisten Methoden. „Sie sind in der Regel froh, wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf gefunden haben. Darüber hinaus ist die Angst sehr groß, die Wohnung wieder zu verlieren – auch wenn sie völlig überteuert oder sich in einem unsäglichen Zustand befindet“, sagt Janßen. Ein weiteres Phänomen des Wohnungsmarkt-Irrsinns sind Massenbesichtigungen. Dass zu solchen Terminen die Interessenten mit Lebenslauf, Lohnabrechnung und Führungszeugnis erscheinen, ist längst brutale Realität. „Eine Ungeheuerlichkeit. Aber wer da nicht mitzieht, ist ganz einfach raus aus dem Rennen“, sagt Rolf Janßen.

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