Ist der Zug längst abgefahren?

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Es gibt nicht mehr viele wie ihn: Seit etwa 60 Jahren ist die Modelleisenbahn für Manfred Sparrenberg Hobby und Leidenschaft.

Hofheim – Früher war eine Modelleisenbahn ein beliebtes Weihnachtsgeschenk. Doch es gibt immer weniger Bastler und Sammler, die sich für die kleinen Modellzüge begeistern können. Von Dirk Beutel

Schienentraktor mit Waggon: Sylvia Wütschner hat für ihren Mann das passende Weihnachtsgeschenk.

Sylvia Wütschner ist ein echter Exot. Die Sulzbacherin ist begeisterte Modelleisenbahnerin – und das schon seit der Kindheit. Ihre Anlage steht im Schlafzimmer, direkt neben der ihres Mannes Manfred. Sogar ihre beiden Söhne sind vom Modelleisenbahn-Virus infiziert worden. „Den braucht man von Grund auf für dieses Hobby“, erklärt Eugen Krey. Er arbeitet seit fast 25 Jahren bei Bieger Spielwaren, einem Fachgeschäft für Modelleisenbahnen. Sein Chef, Wolfgang Bieger, sieht aber immer mehr Menschen, die gegen diesen Virus immun sind: „Das Durchschnittsalter unserer Kunden beträgt etwa 63 Jahre und es kommt kein Nachwuchs ran. Wir sind ein sterbender Ast.“Auch als traditionelles Weihnachtsgeschenk hat die Modelleisenbahn längst ausgedient: „Seit den Neunzigern ist die Luft raus“, sagt Bieger. Leute wie Sylvia Wütschner, die nach einem Zug oder einem Waggon suchen, sind immer seltener geworden.

Wolfgang Bieger gibt nicht nur dem Internet und Computerspielen die Schuld: „Die echte Deutsche Bahn müsste ein besseres Image haben. So wie es aussieht, wird sie ja eher als lästiges Beförderungsmittel empfunden.“ Ob das reicht? Immer weniger Menschen ist die reale Eisenbahn kaum mehr vermittelbar.

Der Jugend fehlt es an Geduld

Manfred Sparrenberger spielt schon seit er 14 Jahre alt ist, mit der Eisenbahn. Der 74-jährige Hofheimer hat auf seinem Dachboden zwei Anlagen stehen. Eine soll gerade erweitert werden und Platz für zusätzliche Abstellgleise bieten. Eine dritte füllt mit acht Quadratmetern das komplette Wohnzimmer aus. Fast 50 Züge besitzt Sparrenberger, sein ältestes Exemplar ist 60 Jahre alt und wurde sogar noch mit der Hand bemalt.

Solche Modelleisenbahner sterben langsam aus. Alles ist so hektisch geworden. Vor allem der Jugend fehlt es an Geduld, sich mit dem Aufbau einer Modelleisenbahn zu beschäftigen“, sagt Bieger: Denn: Eine Anlage für eine Modelleisenbahn wird eigentlich nie fertig. „Es gibt immer etwas auszubauen oder zu verbessern“, bestätigt Manfred Sparrenberger.

Im Grunde spielt man ja nicht wirklich mit einer Modelleisenbahn. Man ist zwar Spielkind, aber eins, das sich kreativ eine eigene Welt zusammenbaut. Und dafür muss man schon etwas von einem Schreiner, Elektriker und Landschaftsarchitekt in sich tragen“, sagt Bieger. Ihm hat die Bahn seinerzeit als Ablenkung vom Unistress geholfen. Heute landen immer mehr alte Anlagen, deren Besitzer verstorben sind und deren Nachwuchs kein Interesse hat, in seinem Lager. Dass es sich um gebrauchte Modelle handelt, ist ihnen nicht anzusehen. Die Eisenbahnen wurden von ihren Besitzern gehegt und gepflegt. Dadurch werden auch Sammlerstück plötzlich wieder verfügbar. „Und weil es immer weniger Sammler gibt, ist eine Eisenbahn auch keine Geldanlage mehr“, erklärt Bieger.

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