Kunst von Klein-Kriminellen

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Andreas Hett macht Kunst mit straffällig gewordenen Jugendlichen.

Oberursel – Schüchternes Lächeln, verschämter Blick zu Boden: „Ich habe mit einer Freundin drei Mädchen ausgeraubt“, sagt die 18-jährige Anna (Name geändert). Vor Gericht wurde sie deshalb zu 30 Arbeitsstunden verurteilt. Die leistet sie in der Bildhauerwerkstatt „Kunsttäter“ ab. Von Julia Renner

In einem großen Einkaufszentrum hat Anna mit ihrer Freundin die drei Mädchen überfallen, hat ihnen die Einkaufstüten abgenommen. „Das war das erste und das letzte Mal, das habe ich auch der Richterin gesagt“, erzählt die Oberurselerin. 30 Stunden muss sie nun mit Speckstein arbeiten. Und eigentlich ist es „cool“, sagt sie. Ungewohnt sei es trotzdem, die Nachmittage nicht mit ihren Freundinnen zu verbringen, sondern in einer Künstlerwerkstatt zu sitzen.

Die hat Andreas Hett vor elf Jahren gegründet, zusammen mit zwei anderen Künstlern. An drei Tagen pro Woche kümmern sich Hett und seine Kollegin Regina Planz um junge Leute, die straffällig geworden sind. „Oft erfahren wir nicht, was die Jugendlichen ausgefressen haben, denn wir fragen nicht nach“, sagt der Sozialarbeiter und Kunsttherapeut. Für die gemeinsame Arbeit spiele das auch keine Rolle. Dass viele wegen Diebstahl oder (schwerer) Körperverletzung kommen oder sogar schon im Gefängnis gesessen haben, höre er dennoch manchmal in Gesprächen heraus.

Wer Alkohol trinkt, fliegt raus

Bei der künstlerischen Arbeit mit Anna und anderen Kriminellen versuchen Hett und Planz vor allem eines: Einen Zugang zu den jungen Menschen zu finden. „Wir sind immer da, die Jugendlichen haben stets einen Ansprechpartner“, sagt Hett. Mit erhobenem Zeigefinger läuft Hett nie durch die Werkstatt. Er will, dass sie etwas verstehen: Wenn die jungen Leute etwas künstlerisches erschaffen haben, können sie eine ganz andere Anerkennung genießen, als wenn sie jemandem auf die Schnauze gehauen haben, sagt der 47-Jährige.

In der Werkstatt, getragen vom Kultur- und Sportförderverein Oberursel, steht die Wertschätzung der Person im Vordergrund. Dennoch herrschen strenge Regeln: Pünktlichkeit ist oberstes Gebot, wer mit Alkohol erwischt wird, fliegt sofort aus dem Projekt.

Die Rückfallquote, schätzt Andreas Hett, liegt unter 25 Prozent. Manchmal bekommt er von den Jugendlichen mit, dass frühere „Kunsttäter“ kriminell geblieben sind. So wie ein junger Mann, der mittlerweile in der Russen-Mafia groß rausgekommen ist. „Der hat bei uns auch schon gesagt: Ihr könnt machen, was ihr wollt, ich ändere mich nicht.

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