Projekte für den Papierkorb und eine Obstkrise: Wahlkampf in Kriftel

Kriftel – Etwa 8200 Wahlberechtigte sind 4. März, in Kriftel aufgerufen an die Wahlurnen zu gehen, um ein neues Stadtoberhaupt zu wählen – oder ein altes zu bestätigen. Regina Vischer (Grüne) fordert Amtsinhaber Christian Seitz (CDU) heraus. Beide im Im EXTRA-TIPP-Interview.  Von Julia Renner

Kriftel gilt als der Obstgarten des Vordertaunus, allerdings gibt es immer weniger Obstbauern. Gibt es Pläne, dieser Entwicklung entgegen zu wirken?

Bürgermeister Christian Seitz

Regina Vischer: Ich hoffe sehr, dass wir auch in Zukunft als Obstgarten des Vordertaunus ein eigenes Ortsprofil haben werden. Auf die Anzahl der Obstbauern kann die Politik keinen Einfluss nehmen, aber die Rahmenbedingungen für den Obstbau können wir beeinflussen. Ich halte es für wichtig, dass landwirtschaftliche Flächen erhalten bleiben und nicht durch Bauvorhaben oder Straßenerweiterung immer weiter beschnitten werden. Ich persönlich würde mir von den Obstbauern wünschen, dass mehr Bio-Obst in unserer Region angebaut und auch weitgehend regional vermarktet wird. Ich kann nicht verstehen, dass wir beim Einzelhändler um die Ecke Bodenseeobst billiger angeboten bekommen, als das Krifteler Obst im Hofladen um die Ecke. AmBodensee werden dann billig Krifteler Äpfel angeboten – da stimmt doch was nicht.

Christian Seitz: Kriftel ist der Obstgarten des Vordertaunus. Diese Bezeichnung führen wir in unserem Gemeindelogo. Das zeigt unsere Verbundenheit zur Landwirtschaft, die wir auch in Zukunft fortsetzen möchten. Allerdings kann die Gemeinde nur für gute Rahmenbedingungen sorgen, zurückhaltend beim Flächenverbrauch sein und für das Krifteler Obst werben. Das eigentliche Problem liegt aber daran, dass es für einige Betriebe keinen Nachfolger gibt.  

Was schätzen Sie am jeweils anderen, welche Positionen Ihres Konkurrenten können Sie dagegen nicht nachvollziehen?

Vischer: Herr Seitz ist ein sehr umgänglicher Bürgermeister, der immer ansprechbar ist. Er ist in Vereinen und Verbänden gut vernetzt. Mit ihm wird das Mönchhofgebiet nach den bereits vorgestellten Plänen dicht bebaut werden. Die beiden sehr großen Kindertagesstätten, die im Bau beziehungsweise in Planung sind, würde ich so nicht gebaut beziehungsweise geplant haben. Beide liegen in Ortsrandlagen, Kinder können lange Wege nicht zu Fuß gehen und werden zur Kita gefahren werden müssen; das ist für die Entwicklung der Kinder nicht gut und auch nicht für die Entwicklung des innerörtlichen Verkehrs. Für die Ortsmitte gibt es alte Pläne, die dringend einer Überarbeitung bedürfen.

Seitz: Frau Vischer ist eine engagierte Frau und hat erfolgreich das Montessori Kinderhaus ins Leben gerufen. Darüber hinaus ist sie ein faire Gesprächspartnerin, mit der man auch überparteilich zusammen arbeiten kann. Nicht nachvollziehen kann ich jedoch, dass sie einerseits die Einnahmen der Gemeinde steigern möchte und andererseits gegen die neue Erschließungsstraße gestimmt hat, die für die Neuansiedlung von Gewerbe notwendig ist. Hier liegt die finanzielle Zukunft der Gemeinde. Genauso möchte Sie kleinere Kindergärten in der Ortsmitte, beantwortet aber nicht, wo die entsprechenden freien Grundstücke dafür sind und wie dies bezahlt werden soll. Verstehen kann ich auch nicht, dass sie gegen das generationsübergreifende Betreuungs- und Pflegezentrum am Freizeitpark gewesen ist, obwohl sie wusste, dass der von ihr favorisierte Investor das Projekt unter Einhaltung der Kriterien der Gemeinde, denen sie wiederum zugestimmt hat, nicht umsetzen konnte.

Das letzte Wort in Sachen B519neu ist längst nicht gesprochen. Geben Sie eine Prognose ab: Wie wird sich das Projekt in den kommenden ein, zwei Jahren entwickeln?

Vischer: In den nächsten Jahren wird sich gar nichts tun, denn im aktuellen Finanzierungsplan werden keine Mittel dafür bereitgestellt. Das gilt bis 2015. Danach, so hoffe ich, hat der Bund bei der Aufstellung des Verkehrswegeplans dieses Bauvorhaben endgültig gestrichen und dasPlanfeststellungsverfahren gestoppt. Die Verhältnisse haben sich zwischenzeitlich dermaßen verändert, dass diese Bundesstraße nicht mehr gebraucht wird. Bundes- und Landeshaushalt stehen gleichermaßen unter Kostendruck, der hoffentlich hoch genug ist, dieses Wahnsinnsprojekt zu beenden. Ich stehe da in engem Kontakt mit den Grünen-Bundes- und Landespolitikern, die bei diesem Bauvorhaben fest an unserer Seite stehen.

Seitz: Wir Krifteler haben eindrucksvoll bewiesen, dass wir dieses Straßenmonster ablehnen. Über 6000 qualifizierte Einwendungen sprechen eine deutliche Sprache. Eine Prognose ist dennoch schwierig. Wir sind aber zuversichtlich, uns in dem laufenden Verfahren durchzusetzen, weil wir die besseren Argumente haben. Nach über 40-jährigem Kampf gehört das Projekt endgültig in den Papierkorb.

Rubriklistenbild: © nh

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