„Ich will auf den Bahamas mit Schweinen schwimmen“

Krebskranke Vanessa spricht über letzte Wünsche und Ziele

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Vanessa Degenhardt
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Janna Rupprecht, die das „Sound of Life“ vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat, ist gestorben, doch ihr Geist und das Benefizkonzert leben weiter. Und wieder setzen sich betroffene krebskranke junge Menschen ein. Eine davon ist Vanessa Degenhardt. Von Axel Grysczyk

Die 24-Jährige leidet seit 13 Jahren an einem bösartigen Tumor, einem sogenannten Neuroblastom. Sie hatte ihren fünften Rückfall.

Sie waren fünf Jahre krebsfrei. Dann ist die Krankheit zurückgekommen. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Es ist, als würde die ganze Welt zusammenbrechen. Ich habe zu meiner Mutter gesagt, eigentlich könnte ich mich sofort erschießen. Wenn der Krebs nach so langer Zeit zurückkommt weiß man, dass es kein gutes Zeichen ist.

Was hat Sie wieder aufgebaut?

Dass da Menschen sind, die für mich da sind, mit denen ich lachen kann. Wir waren mit dem Verein für krebskranke Kinder zum Beispiel in Stuttgart im Musical Tarzan. Das war so toll. Und Ziele helfen weiter. Ich nehme mir Sachen vor, die ich unbedingt angehen und erledigen möchte – so wie jetzt das Sound of Life.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Krankheit verändert?

Ich habe Krebs seitdem ich elf Jahre bin. Eigentlich kenne ich mich nur krank. Aber trotzdem gab es natürlich Phasen, in denen ich die Krankheit scheinbar abgeschüttelt hatte. Vor dem jetzt akuten Rückfall war ich fünf Jahre krebsfrei. Ich habe eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte absolviert und anschließend ein Studium für den gehobenen Dienst in der Beamtenlaufbahn begonnen. Die Rückkehr der Krankheit hat mir aber wieder die Augen geöffnet. Es gibt Dinge, die noch wichtiger sind. Familie, Freunde und vor allem das Leben zu genießen. Das Genießen vergisst man so schnell.

Zeichnet dieses Genießen das Leben von Krebskranken besonders aus?

Das weiß ich nicht. Aber wir leben bewusster, wir wissen, dass sich das mit der Gesundheit rasend schnell ändern kann. Ich finde außerdem, dass wir sozialer sind: Wir achten stärker aufeinander und trösten uns gegenseitig.

Was haben Sie für Wünsche?

Ich habe keine großen Wünsche. Ich würde mich freuen, wenn meine Freunde noch mehr für mich da sein würden, dass wir noch mehr Zeit miteinander verbringen. Es wäre auch schön, wenn mein Umfeld mit mir und meiner Krankheit unverkrampfter umgeht.

Inwiefern?

Wenn man krank ist, steht man schnell alleine da. Viele Menschen haben Angst, mit dem Kranken falsch umzugehen. Da gibt es so eine allgemeine Angst. Wenn sich Freunde treffen oder abends ausgehen, werde ich schnell übergangen, weil es heißt: Ach, lass´ mal, die Vanessa ist krank. Natürlich würde ich nicht zig Cocktails trinken, aber ich möchte leben und feiern, wie alle anderen jungen Menschen auch, soweit es eben geht. Und das ist auch der tiefere Sinn des Sound of Life. Wir möchten zeigen: ‘Hey, wir sind auch noch da. Wir feiern, wir rocken, wir tanzen, auch wenn wir Krebs haben. Wir leben.

Was machen Sie im Detail in der Organisation des Sound of Life?

Alles, was anfällt. Ich habe zahlreiche Bettelbriefe mitverfasst. Wir schreiben Firmen an und bitten um Spenden, damit wir Geld für das Festival zusammen bekommen und letztendlich natürlich für den Verein. Damit können wir dann solche Ausflüge wie nach Stuttgart ins Musical machen.

Das Sound of Life ist im September, welche Ziele haben Sie dann?

Ich hab´ noch so ein paar Träume: Ich möchte gerne mal auf die Bahamas, den Sand unter den Füßen spüren und das klare blaue Wasser sehen. Und ich habe in der Werbung mal gesehen, wie jemand mit Schweinen schwimmt. Ja, ich möchte gerne mit Schweinen schwimmen! Chris Hauser aus unserem Verein hat gesagt, dass wir eventuell auf die Bahamas fliegen werden. Der Verein der auch aus betroffenen Eltern besteht, weiß ganz genau wie wichtig letzte Wünsche und Ziele sind.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Schon ein bisschen. Aber ich weiß ja, dass die Janna da oben ist und ich dann dort nicht alleine bin. Wir waren dicke Freundinnen. Die Vorstellung hilft mir, mit dem Tod leichter umzugehen.

Axel Grysczyk

Axel Grysczyk

E-Mail:axel.grysczyk@extratipp.com

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