Margaretha Sasker:  „Der schnelle Tod schockt mich immer noch“

Krankenschwester ohne Grenzen: Frankfurterin hilft in Krisengebieten

Margaretha Sasker ist Krankenschwester und hat bereits 13 Mal für Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten verzweifelten Menschen geholfen, sie medizinisch versorgt. Die 68-jährige Frankfurterin berichtet, wann sie um ihr eigenes Leben fürchten musste. Von Dirk Beutel

Seit 1983 arbeiten Sie für Ärzte ohne Grenzen. Was treibt Sie an, warum waren Sie so oft in Krisengebieten unterwegs?

Als Krankenschwester habe ich in den Niederlanden in einer großen Uniklinik gearbeitet. Da war ich etwa Mitte 20. Zwischendurch habe ich als Freiwillige in einer Buschklinik in Kenia und bei Mutter Teresa in Kalkutta gearbeitet. Mit diesen Erfahrungen kam ich zu Ärzte ohne Grenzen und kurz darauf befand ich mich in einem großen Flüchtlingslager in Thailand. Hunderttausende kambodschanische Flüchtlinge kamen über die Grenze nach Thailand, weil in Kambodscha unter den Roten Khmer schon viele umgebracht worden waren. Bei Ärzte ohne Grenzen habe ich oft die Stationen gewechselt, um Erfahrungen zu sammeln, um zu lernen, welche Krankheiten es gibt und was man gegen sie tun kann.

Sie waren in Afghanistan als es noch unter sowjetischer Besatzung stand, im Sudan, in der Türkei, Äthiopien, Simbabwe, auf den Philippinen, dreimal in Haiti. Zuletzt in der Zentralafrikanischen Republik. Gab es Augenblicke in denen Sie Angst um Ihr eigenes Leben hatten?

Das lässt sich nicht vermeiden. Die Angst wird aber verdrängt, man muss ja funktionieren. In Zentralafrika etwa gab es zwei Gruppen, die einander bekämpften. Wenn man mit dem Auto unterwegs war, musste man jede halbe Stunde die Basis anrufen und angeben, wo man sich befindet. Das hat seinen Grund und ist beängstigend. Es geht recht locker zu bei den Ärzten ohne Grenzen, aber nicht bei der Sicherheit. Das wird sehr ernst genommen. Ich kann mich erinnern, wie ich nach einem Projekt angefangen habe zu weinen, als ich im Flugzeug nach Deutschland saß und ich in Sicherheit war. Da ist viel Druck abgefallen.

Hatten Sie schon einmal Probleme bei Ihrer Arbeit? Sei es durch ein Regime, Warlords oder Soldaten?

Das gab es immer wieder. Da gab es etwa im Südsudan ein Einsatzgebiet in das man nur mit einem kleinen Flugzeug hinein und wieder heraus fliegen konnte. Wenn es dort zu Schießereien und Artilleriefeuer kam, musste man so schnell es ging aus seinem Zelt heraus und zum Internationalen Roten Kreuz. Sie koordinierten die Flüge, wenn nötig.

Was haben Sie genau in den Krisengebieten gemacht?

Man arbeitet immer mit den lokalen Teams zusammen. Sie sind das Herz, ohne das in Katastrophengebieten nichts funktionieren würde. In Haiti zum Beispiel ging es darum, zu organisieren. Zu sehen, dass das Leben wieder einigermaßen in normalen Bahnen verläuft. Das fängt mit der medizinischen Versorgung und der Logistik an: Welche Impfstoffe, Infusionen, Medikamente, chirurgisches Instrumente werden gebraucht, wo bekommen wir die her? Und man hilft immer überall mit, wenn verletzte oder bewusstlose Menschen kommen. In Haiti wurden die Frauen auf der Straße operiert, es wurden Babys in Trümmern zur Welt gebracht. Da packt man mit an.

Sie haben einmal gesagt, dass man bei ihren Einsätzen die erste Not mit einfachen Mitteln überwinden kann. Wie darf man sich das vorstellen?

Die politische Lage in einem Krisengebiet kann man sowieso nicht ändern, auch eine jahrelang andauernde Trockenheit nicht. Aber mit einfachen Mitteln kann man zumindest erreichen, dass die Menschen in diesen Teilen der Erde nicht sterben. In den ersten Hilfslieferungen sind meist zuerst Milchpulver, Medikamente und vor allem Infusionen und Grundnahrungsmittel dabei. Das hilft ungemein. Die die gestorben sind, denen kann man leider nicht mehr helfen. Aber dafür den Lebenden.

Welche Situationen sind Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

Die Nachbeben in der Türkei und auf Haiti waren schrecklich. Die Menschen dort waren traumatisiert, hatten Angst, hatten viele Familienmitglieder und Freunde verloren. Die medizinische Arbeit hat sich nach zwei Wochen wieder deutlich normalisiert. Das ist in Gebieten mit großer Hungersnot aber nicht so. Umso mehr bleiben einem ohne Zweifel die Geschichten der Menschen im Gedächtnis. Was ich aber in Zentralafrika erlebt habe, und das steht für alle anderen Länder: Wie schnell sich das Schicksal ändern kann: Eine junge Mutter, die sich plötzlich um ihre drei Nichten kümmern muss, weil ihre Schwester gestorben ist. Die Nachbarin, die zu spät entbunden hatte und weder sie noch ihr Kind gerettet werden konnte. Das sind Dinge, die weh tun. Da denke ich bei mir immer wieder: Jetzt hast du schon so viel gesehen und bist immer noch geschockt. Geschockt von dem schnellen Tod von Menschen, die noch nicht einmal in ihrem Leben richtig gegessen haben. Das ist frustrierend.

Wie fühlen Sie sich persönlich nach einem Einsatz, wenn Sie wieder zu Hause sind?

Wenn ich von einem Krisenherd zurückkehre, schotte ich mich in der Regel erst einmal ab. Dann bin ich 14 Tage platt. Dann ist mir alles zuviel, ich brauche dann Ruhe für mich selbst. Sobald ich aber wieder aufbreche und den Ärmsten der Armen helfen will, kämpft man um jedes Kind, jeder wird aufgepeppelt, keiner wird aufgegeben. Das versuchen die Helfer im Mittelmeer auch. Das hört sich leicht an, ist aber Schwerstarbeit. Man beißt sich trotzdem durch.

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