Experte im Interview

Krankenhäusern fehlt es an Förderung und Personal

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EXTRA TIPP-Interview: Rainer Greunke, Geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, fordert mehr Geld für bessere Krankenhäuser.

Krankenhäuser schreiben rote Zahlen, das Vertrauen in die Qualität des Gesundheitssystems sinkt. Rainer Greunke, Geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, fordert mehr Geld für unsere Klinken und begrüßt den zunehmenden Wettbewerb. Von Dirk Beutel

Haben wir in Deutschland ein Zwei-Klassen-System bei der Gesundheitsversorgung?

Nein, von einem Zwei-Klassen-System kann nicht gesprochen werden und das gibt es aus meiner Sicht so auch nicht. Jeder Bürger erhält in Deutschland die für seinen Behandlungsfall spezifische und notwendige medizinische Versorgung – unabhängig von seinem sozialen Status. Gleichwohl kann nicht bestritten werden, dass es – insbesondere im Bereich der niedergelassenen Fachärzte – teilweise längere Wartezeiten für Kassenpatienten als für Privatversicherte gibt. Der Gesetzgeber hat dies erkannt und will diesem mit entsprechenden gesetzlichen Regelungen künftig entgegenwirken.

Viele Kliniken in Deutschland schreiben rote Zahlen. Vor allem wenn es sich um einen kommunalen Träger handelt. Können Privatunternehmen Krankenhäuser besser verwalten?

Also, um Verwalten geht es schon einmal gar nicht,

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sondern um das professionelle Management des sozialen Dienstleistungsunternehmens Krankenhaus. Gerne wird unterstellt, dass da die öffentlichen Krankenhäuser noch nicht das Maß an Professionalität haben wie private Kliniken. Das ist so aber nicht richtig, denn private Häuser haben einige Wettbewerbsvorteile: Sie sind nicht an die Tarif- und Altersversorgungssysteme des öffentlichen Dienstes gebunden, sie haben die besseren Möglichkeiten der Finanzierung ihrer Investitionen aus dem Gesellschaftskapital oder über den Finanzmarkt und sie agieren weitgehend frei von politischer Einflussnahme. Große private Klinikketten haben darüber hinaus den Vorteil, durch Zusammenarbeit, konzerninterne Strukturierungen sowie Standardisierungen der Betriebsabläufe und Prozesse  größere Synergie-Effekte zu generieren, als weitgehend alleinstehende kommunale Krankenhäuser.

Auf der anderen Seite fehlen den Krankenhäusern die finanziellen Mittel. Braucht Deutschland eine Reform des Krankenhausfinanzierungsmodells?

Tatsache ist, dass die Preisentwicklung für die Krankenhausbehandlung aufgrund gesetzlicher Regelungen schon seit Jahren nicht Schritt halten kann mit der allgemeinen Preisentwicklung und konkret mit der Kostenentwicklung in den Krankenhäusern. Steigende Energie- und Arzneimittelkosten sowie Lohnkosten stehen deutlich geringer steigenden Entgelten für die Krankenhausbehandlung gegenüber. Mit anderen Worten: Die Krankenhäuser müssen mehr ausgeben, als sie einnehmen dürfen, und dies führt zu einer Finanzierungslücke. Davon sind die privaten Krankenhäuser genauso betroffen, wie die kommunalen Häuser. Und deshalb braucht Deutschland auf jeden Fall eine Reform des Krankenhausfinanzierungsmodells. Wesentliches Element muss sein, dass die unvermeidbaren Kostensteigerungen der Krankenhäuser entsprechend gegenfinanziert werden. Darüber hinaus brauchen die Krankenhäuser brauchen deutlich mehr Fördermittel der öffentlichen Hand für die Finanzierung ihre Investitionen, wenn sie ihrem Versorgungsauftrag für die Bevölkerung adäquat nachkommen sollen.

Versprechen Sie sich von der neuen Landes- und Bundesregierung ein Einlenken bei dieser Reform der Finanzierung?

Eindeutig ja! Das Problem der Krankenhausfinanzierung ist bei der Politik angekommen, und die Bundesregierung der vergangenen Legislaturperiode hat mit den von ihr beschlossenen finanziellen Entlastungen der Krankenhäuser bereits erste Signale gesetzt, dieses Problem zu lösen. Meine Hoffnung, dass sich dieser Prozess in dieser Legislaturperiode fortsetzen wird, begründet sich insbesondere auf die Hessische Landesregierung, die sich in hohem Maße für die Belange der Krankenhäuser einsetzt, auch auf Bundesebene.

Der Preisdeckel zwingt Kliniken, weniger Personal zu beschäftigen. Wie sieht es in den hessischen Krankenhäusern mit qualifiziertem Personal aus?

Das, was Sie ansprechen, sind zwei Paar Stiefel. Auf der einen Seite zwingt der Preisdeckel die Krankenhäuser in der Tat dazu, tendenziell mit weniger Personal auskommen zu müssen. Das ist weder gut für die Patienten noch für die Beschäftigten, die mit zunehmender Arbeitsverdichtung konfrontiert sind. Andererseits beobachten wir unabhängig hiervon aber das Phänomen, dass qualifiziertes Fachpersonal auf dem Arbeitsmarkt oft nicht in der Menge zur Verfügung steht, wie es von den Krankenhäusern benötigt wird. Es wird immer schwerer, vakante Stellen innerhalb eines angemessenen Zeitraums adäquat wieder zu besetzten. Und dies betrifft sowohl den Ärztlichen Dienst als auch die Pflegekräfte, wobei es hier regionale sowie fachqualifikationsspezifische Unterschiede gibt.

Vor allem beim Pflegepersonal wird händeringend nach Fachkräften gesucht. Wie könnte man diesen Beruf wieder attraktiver machen?

Das Problem des Fachkräftemangels beschränkt sich nicht auf die Pflegeberufe, wir haben das gleiche Problem auch bei den Ärzten. Wenn am Personal gespart werden muss und es infolge davon zu Arbeitsverdichtungen und mehr Arbeitsstress kommt, so macht auch dies einen Beruf nicht gerade attraktiv. Der wirksamste Beitrag zur Beseitigung des Personalmangels in den Krankenhäusern und zur Steigerung der Attraktivität wäre deshalb, den Kliniken die Finanzmittel zu geben, die sie für eine anständige Bezahlung der für eine gute Versorgung benötigten Beschäftigten brauchen. Eine Versorgung der Patienten rund um die Uhr erfordert zwingend Arbeitszeiten rund um die Uhr – das lässt sich nicht ändern. Hierfür können Äquivalente geschaffen werden, wie die Bereitstellung von Wohnraum oder von Kinderbetreuungsmöglichkeiten – aber auch das kostet Geld. Es muss der Gesellschaft wert sein, diese Arbeit auch angemessen zu bezahlen.

Normalerweise heißt es: Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber darf Gesundheit zum Geschäft werden?

Es ist seit einigen Jahren politisch gewollt, dass Konkurrenz oder besser gesagt Wettbewerb ins Gesundheitswesen kommt. Leider wird dieser Wettbewerb immer mit Geld in Verbindung gebracht, das heißt es geht um niedrige Beitragssätze der Krankenkassen und niedrige Preise für Krankenhausleistungen oder Pflege- oder Rehabilitationsmaßnahmen. Und jetzt will der Finanzminister sogar noch Mittel aus dem Gesundheitswesen entziehen um seinen Haushalt zu sanieren. Das ist nicht zielführend, sondern gefährlich. Ich begrüße deshalb einen Wettbewerb um Qualität. Wir haben in vielen Bereichen eine hervorragende Gesundheitsversorgung, um die uns viele andere Nationen beneiden. Die müssen wir erhalten, die Qualität der Leistungen muss objektiv und vergleichbar der Öffentlichkeit transparent und verständlich gemacht werden. Dann werden sich Patienten für die „richtigen“ Anbieter entscheiden und nicht für die billigsten.

Gerade versuchen die Main-Taunus-Klinken mit dem Klinikum in Frankfurt-Höchst zu fusionieren. Auch in Darmstadt wird über einen Zusammengang mit dem Dieburger St. Rochus verhandelt. Was versprechen Sie sich von solchen Fusionen?

Die Hessische Krankenhausgesellschaft  kann sich zu konkreten Fusionen und Verbundbildungen mit Rücksicht auf die Autonomie ihrer Verbandsmitglieder natürlich nicht bewertend äußern. Grundsätzlich bin ich jedoch der Auffassung, dass es für Krankenhäuser und damit für die Patientenversorgung  ein großer Vorteil sein kann, wenn Kliniken zusammenarbeiten, ihre logistische Infrastruktur zentralisieren, ihre Behandlungsleistungen aufeinander abstimmen und mit gemeinsamen Fort-und Weiterbildungsmaßnahmen attraktive Arbeitsplätze bieten. Aus diesem Grund sind Verbundbildungen und auch Fusionen von Krankenhäusern aus betriebswirtschaftlicher Sicht und aus dem Blickwinkel der Versorgung sowie unter Qualitätsaspekten zu begrüßen. Bewusst will auch das Land Hessen deshalb solche Verbundbildungen fördern.

Helios-Chef Francesco De Meo leitet die größte private Klinikkette Europas. Er findet: In Deutschland kann so manches Krankenhaus geschlossen werden. In seinen eigenen Häusern will er mit weniger Personal auskommen. Ist das das Bild der künftigen Krankenhauslandschaft?

Es gibt viele Menschen, die behaupten es gäbe zu viele Krankenhäuser, aber ich habe noch keinen getroffen, der sagt, welches Krankenhaus zu viel ist. Damit stoßen wir eine gesellschaftspolitische Diskussion an: Welche Versorgungsdichte wollen oder können wir uns leisten? Ich habe da weniger das Ballungsgebiet Rhein-Main im Auge, wie vielmehr die ländlichen Regionen in Nord-, Ost- und Südhessen. Können wir dort auf Standorte verzichten und damit weitere Wegezeiten in Kauf nehmen und Arbeitsplätze abbauen? Oder umgekehrt, was nützt es diesen Krankenhäusern, wenn eins in Frankfurt geschlossen wird? Die Frage des Personals ist schwieriger zu beantworten. Der wirtschaftliche Druck ist so groß, dass ich mir einen weiteren Personalabbau vor allen Dingen in der unmittelbaren Patientenbetreuung kaum vorstellen kann. Allerdings könnte man mit einer weitreichenden Modernisierung der Baustrukturen der Krankenhäuser hier noch entsprechende Spielräume schaffen.

 

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