Kein Herz für gequälte Tiere: Diese Fälle schockieren

Krank, taub, tot: Keiner hilft verwahrlosten Hunden

+
Nadine Gröpel (links) und Irene Sona sind erschüttert. Tumore wuchern in den Ohren der Bulldogge, die die beiden "Mopsi" getauft haben.

Region Rhein-Main – Tumore in den Ohren, der Kiefer vereitert, Maden in den Wunden – die Fälle zweier ausgesetzter Hunde machen fassungslos. Schuld sind nicht nur gefühlskalte Tierhalter, sondern auch eine Gesellschaft, die offenbar immer mehr wegschaut.Von Kristina Bräutigam und Christian Reinartz

Es sind zwei Fälle, die fassungslos machen. Freitag vor einer Woche findet die Frankfurterin Carina Küsel in Rödelheim beim Spazierengehen einen entkräfteten Hund. Der kleine Yorkshire-Mischling ist offenbar in einer Plastiktüte über einen Zaun in einen Schrebergarten geworfen worden. Der Kleine kann sich befreien, schleppt sich einige Meter, bricht dann zusammen. „Als ich ihn da liegen sah, sind schon die Fliegen über ihm gekreist und er hat nur immer wieder versucht, das Köpfchen zu heben“, sagt Küsel, die eine Frankfurter Gruppe des Tierschutzvereins „Schüler für Tiere“ leitet. 

Sie ruft die Polizei, doch die kommt nicht. Nach einiger Zeit verschafft sie sich mit herbeigerufenen Nachbarn dann Zugang zum Garten, legt das Häuflein Elend in eine Kiste und fährt in die Tierklinik. Dort können die Ärzte nur noch die Gnadenspritze setzen. Im Bericht des Tierarztes wird später stehen: Der Hund habe zu lange Krallen und verfilztes Fell gehabt, sei stark abgemagert gewesen und habe unter Flöhen gelitten und Wunden, aus denen schon die Maden krochen.

Zweiter Fall aus Seligenstadt

Kein Einzelfall: Am Dienstag vor einer Woche wird eine französische Bulldogge vor dem Tierschutzverein Seligenstadt angebunden. Auch sie hat Höllenqualen gelitten. „Unsere Tierärztin sagte, so ein verwahrlostes Tier habe sie noch nie gesehen“, sagt Irene Sona, Leiterin des Tierheims. Die alte, blinde Hündin hat einen vereiterten Kiefer, leidet unter einem Hefepilz im Fell, der bestialisch stinkt. In den Ohren hat die Bulldogge riesige, nässende Geschwüre. Die Entzündung ist so weit fortgeschritten, dass die Hündin taub ist. „Das Tier ist über viele Jahre nicht behandelt worden. Es muss unvorstellbare Schmerzen gehabt haben“, sagt Sona. Auch Tierheim-Mitarbeiterin Nadine Gröpel ist erschüttert. „Nicht zu merken, dass dieser Hund schwer krank ist, das ist unmöglich.“ Doch wie kann es sein, dass Tiere so sehr verwahrlosen und leiden, ohne dass jemand aus dem Umfeld eingreift oder zumindest die Behörden verständigt?

Fotos: Wer hat diese Hunde herzlos entsorgt?

Doreen Pförtner, Sprecherin des Vereins „Schüler für Tiere“, beobachtet schon seit einiger Zeit, dass Menschen immer weniger bereit sind, einzugreifen, wenn etwa ein Tier in Gefahr schwebt oder vom Halter gequält wird. Der Grund: Es macht Arbeit und ist unangenehm. „Die Leute sehen zwar das Leid, haben aber keine Lust auf Unannehmlichkeiten.“

Viele würden sich fragen: Darf ich überhaupt ein fremdes Grundstück betreten oder werde ich dann angezeigt? Darf ich eine Autoscheibe einschlagen, oder muss ich sie danach bezahlen? Was ist mit entstehenden Tierarztkosten? Bin ich dann verpflichtet für die Behandlung aufzukommen? Muss ich bei der Polizei eine Aussage machen? Ein anderer Grund: Die Angst als Denunziant dazustehen. „Wenn uns Leute anrufen, dann nur anonym. Wer will schon, dass der Nachbar rausbekommt, dass man ihn beim Amt verpfiffen hat“, sagt Tierheimleiterin Irene Sona. Da viele Veterinärämter ohnehin erst sehr spät eingreifen, würde der Mut oft nicht mal belohnt. „Irgendwann resignieren die Leute und das Tier wird eben seinem Schicksal überlassen“.

Für Doreen Pförtner sind das keine Entschuldigungen. Und selbst wenn beherztes Eingreifen so manche Unannehmlichkeit mit sich bringen kann. „Das steht doch alles in keinem Verhältnis zu der Not eines Tieres, das um sein Leben kämpft“, sagt Pförtner. „Aber der Fokus der Menschen ist heute leider immer stärker auf sich selbst gerichtet.“

Was darf man alles, um ein Tier zu retten?

Geht es darum ein Tier zu retten, schauen immer mehr Menschen weg. Denn sie scheuen Unannehmlichkeiten. Doch meistens ist die Sorge überflüssig. Sophie Nouvertné, Juristin bei Peta Deutschland, erklärt, warum. So ist das Betreten eines fremden Grundstückes oder sogar ein Einbruch unter bestimmten Umständen sogar erlaubt. „Aber nur dann, wenn es erkennbar um Leben und Tod eines Tieres geht“, stellt Nouvertné klar. „Dann wiegt das Recht des Tieres quasi schwerer als das Vergehen.“

Nadja Niesen, Oberstaatsanwältin in Frankfurt, bestätigt: „In einem solchen Fall würde die Staatsanwaltschaft erst gar keine Anklage erheben.“ Dasselbe gelte für das Einschlagen einer Autoscheibe. Gibt es Zweifel am Gesundheitszustand, sollte allerdings immer erst die Polizei verständigt werden, sagt Nouvertné. Wenn allerdings klar sei, dass die Zeit bis zum Eintreffen der Beamten nicht ausreicht, dürfe gehandelt werden, ohne Angst haben zu müssen, dafür strafrechtlich belangt zu werden. Auch in Sachen Anzeige müssen Menschen, die Tierleid beobachten, nicht zurückhaltend sein. Nouvertné: „Wer nicht bei der Polizei aussagen oder anonym bleiben will, kann sich an Peta wenden. Wir haben ein sogenanntes Whistle-Blower-Formular auf unserer Webseite, über das Fälle gemeldet werden können. Wir leiten dann alles in die Wege.“ Infos dazu gibt es auf www.peta.de. Dort dann auf „Tiermissbrauch melden“ klicken.

Fotos: Hier finden tierische Findelkinder Hilfe

Doch was sind das für Menschen, die ihre Haustiere so furchtbar leiden lassen?

Die bekannte Kriminalpsychologin Lydia Benecke erklärt, welche Tierhalter-Typen immer wieder für solche Fälle verantwortlich sind:

Sehr unterschiedliche Ursachen können hinter einem solchen Verhalten stecken. Ein Phänomen, das in der wissenschaftlichen Betrachtung immer wieder mit starken Tiervernachlässigungen in Verbindung gebracht wird, ist die sogenannte „Tierhortung“, auch als „Animal Hoarding“ bekannt. Hierbei haben Tierhalter deutlich mehr Tiere als sie versorgen können, sodass ganze Gruppen von Tieren teilweise sehr schwer vernachlässigt werden. Dieses Phänomen ist international bekannt und zeichnet sich dadurch aus, dass die betroffenen Tierhalter das Problem verleugnen oder verharmlosen und trotz Überforderung immer mehr Tiere aufnehmen. Der Tiermediziner und Epidemiologe Gary J. Patronek hat mit seinem Forscherteam 2006 eine Klassifizierung der betreffenden Tierhalter nach ihrer Motivlage erstellt. Demnach unterteilt er die Tierhaltertypen in den „überforderten Pfleger", „Rettertyp", "Züchtertyp und „Ausbeutertyp“. Ein Tierhorter kann aber auch ein „Mischtyp“ aus mehreren der beschriebenen Typen sein.Am häufigsten kommen die ersten beiden Tierhaltertypen vor.

Der „überforderte Pfleger“ hat meistens in seinem Leben erhebliche Verluste (des Arbeitsplatzes, des Lebenspartners etwa) und/oder gesundheitliche Probleme erlebt, pflegt wenige Sozialkontakte und nimmt sich Tieren an, um sich weniger einsam zu fühlen. Dabei überfordert er sich und beginnt, das zunehmende Problem zu verleugnen, weil er sich von den jeweiligen Tieren nicht trennen will. Wenn die Tiervernachlässigung durch ihn Behörden bekannt wird, kann er meist angebotene Hilfe annehmen.

Fotos: Hilfe für die Wasservögel am Frankfurter Mainufer

Der „Rettertyp“ glaubt - wie der Name schon sagt - Tiere retten zu müssen. Er sucht aktiv entsprechende Tiere und hört damit auch nicht auf, wenn er schon völlig überfordert mit deren Versorgung ist. Er ist durchaus im Sozialleben eingebunden, lebt seine „Mission“ leidenschaftlich und verschleiert, wenn er die Situation längst nicht mehr im Griff hat. Bei Hilfsangeboten von Außen ist er eher abweisend.

Der „Züchtertyp“ hält Tiere aus finanziellem Interesse - meist nicht in seiner eigenen Wohnung. Er verharmlost, wenn ihn die Tierversorgung zu überfordern beginnt, doch ist er in der Lage, das Problem einzuräumen, wenn er damit beispielsweise durch Behörden konfrontiert wird.

Der „Ausbeutertyp“ ist massiv Persönlichkeitsauffällig, wobei hier besonders ein deutlicher Mangel an Mitgefühl gegenüber Menschen wie Tieren im Vordergrund steht. Tiere schafft er sich zur Befriedigung seiner Bedürfnisse an. Das Leid durch die zunehmende Vernachlässigung nimmt er entweder gar nicht wahr oder es interessiert ihn schlicht nicht. Er lehnt Hilfsmaßnahmen ab und ist davon überzeugt, alles im Griff zu haben und mit seinen Tieren ohnehin tun zu können, was er will. Dieser Tierhortertyp ist der mit Abstand seltenste. Natürlich gibt es auch unabhängig von Tierhortungen schwere Tiervernachlässigungen. Hierbei können die Motive teilweise ähnlich sein wie die bei den beschriebenen Tierhortertypen.

Entsprechendes Verhalten kann, muss aber nicht mit einer oder mehrerenpsychischen Störungen eines Tierhaltes zusammenhängen. Auch sind die meisten Tierhalter, welche unter psychischen Störungen leiden, durchaus in der Lage, ihre Tiere angemessen zu versorgen. Eine ganz einfache Erklärung für solches Verhalten gibt es also nicht. Die Forschung hierzu ist noch lange nicht abgeschlossen.

Skrupellos war auch der Unbekannte, der im April versucht hatte, einen

Pfau in Bergen-Enkheim zu vergiften

.

Fotos

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!


DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare