Kommentar

Nazi-Wahnsinn einkalkulieren

In dieser Woche ging es wieder intensiv über die Wahrheitsfindung bei den NSU-Morden. Mit Recht wurden die Versäumnisse von Ermittlern und Behörden thematisiert oder ihre zwielichtige Rolle bei der Aufklärung beleuchtet. Kommentar von Axel Grysczyk

Doch bevor der Fall von weiteren zahlreichen Untersuchungsausschüssen in die Zange genommen wird, bleibt die Mahnung, solche Gewalt-Taten von Anfang an anders und umfangreicher zu bewerten. Denn unausgesprochen hat über den Ermittlungen das Stigma der rechtsextremen Tat geschwebt. „Das darf doch nicht sein, mitten in Deutschland“, war der ständige Hintergedanke, wenn die Möglichkeit eines rechtsradikalen Hintergrunds in Erwägung gezogen wurde. Das war bei den NSU-Morden nicht das erste Mal so. Schon beim Oktoberfest-Attentat 1980 hieß es sofort: Es handelt sich um einen rechtsextremen Einzeltäter, einen Psychopathen. Erst jüngst begannen neue Ermittlungen, weil sich diese Deutung, der damalige Das-darf-doch-nicht-sein-Reflex, nicht mehr aufrecht erhalten lässt und Hintermänner vermutet werden. Das heutige Deutschland muss es aushalten können, dass es Idioten gibt, die hasserfüllt anderen Schaden zufügen und das mit einer nazi-nahen Ideologie begründen. Wir müssen das auf das Schärfste bekämpfen, aber wir dürfen nicht so verängstigt sein, dass wir komplett ausschließen, dass es solche geistig Minderbemittelte mit ihrem Hass in unserem Land gibt. Für die Angehörigen der NSU-Opfer ist das eine der knallenden Ohrfeigen: Nicht nur, dass im Raum steht, die Ermittler vertuschen etwas, sondern, dass man rechten Gewalttätern solche Taten überhaupt nicht zugetraut hat.

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