Kommentar

Den Glauben an nichts

Von Axel Grysczyk
  • schließen

220.000 Katholiken sind im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten. Ein Grund könnte sein, dass der Staat das Verfahren für die Erhebung der Steuer auf Zinserträge geändert hat. Der Eindruck unter den katholischen Kirchensteuer-Zahlern: Jetzt müssen wir noch mehr zahlen. Kommentar von Axel Grysczyk

Jetzt reicht’s. Alleine wegen der Steuer – auch wenn das ein sehr gewichtiger Grund ist – dürften die Leute nicht einfach ausgetreten sein. Es ist die Enttäuschung über die Kirche, die schwache Bindung und die Erkenntnis, dass einem an nichts fehlt, wenn man nicht mehr Mitglied ist.

Und doch ist es erstaunlich: Da wird sich massenhaft von der Kirche abgewandt, aber gegen den Islam gewettert. Der wäre radikal, gehört nicht zu uns und wird uns im schlimmsten Fall überrollen. Mehr noch: Auch der Verfall von Werten, Sitten, Traditionen und Bräuchen – viele davon haben durchaus einen christlichen Hintergrund – wird bemängelt, aber trotzdem die Abkehr von der Kirche praktiziert. Und besonders zeitgeistig ist es, wenn man fastet, meditiert und sich entschleunigt – Dinge, die die Kirche schon seit Jahrhunderten praktiziert.

In einer Zeit, in der man seine Nationalität, sein Geschlecht und seinen Partner trotz gegenteiligem Versprechen wechseln kann, wie man gerade will, wirkt es befremdlich, ein Leben lang Mitglied bei einer Kirche zu sein und stets die gleiche Religion ausüben zu müssen. Doch dem einen oder anderen ausgetretenen Kirchenmitglied dürfte ein religiöseres Leben vielleicht helfen.

Mehr zum Thema

Axel Grysczyk

Axel Grysczyk

E-Mail:axel.grysczyk@extratipp.com

Kommentare