Kommentar

Für Europa war das ganze Jahr Krise

Man könnte fast meinen, 2015 war das Wendejahr. Weg von Europa, zurück zum Nationalstaat. Die Europäische Gemeinschaft gab in der Griechenlandkrise ein jämmerliches Bild ab. Kommentar von Axel Grysczyk

Spätestens aber in der Flüchtlingskrise haben die Mitgliedsstaaten offenbart, dass sie keine Gemeinschaft sind. Jeder hat nur an seine eigenen Interessen im Blick. Darüber hinaus hat der britische Premierminister David Cameron bereits angekündigt, den Verbleib der Briten in der EU von Bedingungen abhängig zu machen. Zudem haben die Franzosen in der vergangenen Woche bei den Regionalwahlen das rechte Lager des Front National zur stärksten Kraft gemacht und die steht nun nicht gerade für ein geeintes Europa. Die europäische Idee bröckelt. Aber nicht, weil die Herausforderungen – wie in diesem Jahr – so groß sind. Nein, weil es im Inneren kein weiteres Zusammenwachsen mehr gibt. Das vereinte Europa hat sich überdehnt. Seine Institutionen schaffen es nicht mehr, die anstehenden Aufgaben zu meistern. Es regiert der ökonomische Egoismus. Und das allergrößte Problem: Wichtige Reformen werden vertagt. Solange es in der EU nur um die bloße Vermehrung des Wohlstandes ging, war das alles noch beherrschbar. Jetzt werden die Herausforderungen komplexer.

Wenn Europa diese Hausaufgaben nicht macht, wird das viel beschworene europäische Haus einstürzen. Die Bürger werden sich von der europäischen Idee abwenden, weil sie nicht mehr davon überzeugt sind, dass die europäischen Institutionen die anstehenden Schwierigkeiten lösen können. Gerade jetzt müssen wir aber zusammen rücken. Wenn wir Europa wollen, müssen wir 2016 mehr Europa wagen.

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