Kommentar zu Sebastian Edathy

Urteile ohne Gerichte

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Von Axel Grysczyk

Deutschland richtet. Den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy darf jeder verurteilen, ob er Beweise hat oder nicht. Die einen pochen auf den Rechtsstaat, die anderen schreien nach Kastration. Dabei ist das politisch zweitrangig. Kommentar von Axel Grysczyk

Wann werden Politiker und andere Menschen aus der Öffentlichkeit verstehen, dass es nicht um die juristische Auslegung geht, sondern um moralisch einwandfreies Auftreten? Für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff mag es wichtig sein, dass er in dieser Woche einen Freispruch erkämpft hat – für die politische Deutung seines Verhaltens im Amt ist das unerheblich. Und für Edathy gilt: Wer sich als Lustmolch positioniert, als jemand der an der Strafbarkeitsgrenze entlang, sich geifernd über Nacktbilder von kleinen Jungs hermacht, der ist als Bundestagsabgeordneter nicht vermittelbar. Ob sein Verhalten juristisch einwandfrei ist oder nicht, spielt für diese Beurteilung keine Rolle. Für die Bezahlung, die spätere Versorgung und die stets offenen Türen für hochdotierte Geschäftsführer-Posten nach der politischen Karriere bedarf es einer Voraussetzung: Politiker müssen moralisch ohne Fehl und Tadel sein. Wer diese Schlüsselqualifikation nicht nachweisen kann, ist auf Dauer nicht haltbar. Da ist die juristische Aufarbeitung, ob bei Wulff oder Edathy, nur Kosmetik für die Betroffenen – für den Blick in den Spiegel.

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