Netzwerk gegen Misshandlungen

Ärztenetzwerk auf Spurensuche

+
Gequälte Kinderseele: Missbrauch oder Vernachlässigung zu erkennen, ist für Ärzte nicht einfach, zumal sie dafür nicht ausgebildet werden.

Frankfurt – Ärzte in der Zwickmühle: Sie stehen in der Verantwortung Spuren von Misshandlung oder sexuellem Missbrauch zu erkennen, doch ausgebildet wurden sie dafür nie. Das Frankfurter Universitäts-Klinikum stellt dieser Aufgabe seine Medizinische Kinderschutzambulanz entgegen. Von Dirk Beutel

Sie werden geschlagen, vernachlässigt, brutal vergewaltigt und niemand bemerkt es. Tabuthema Kindesmissbrauch. Wenn niemand aus der Familie oder Nachbarschaft reagiert, bleibt oft nur noch der Arzt, der im Fall eines Missbrauchs Alarm schlagen kann. Doch das Thema hat in der medizinischen Ausbildung noch nie eine Rolle gespielt. Woher wollen Ärzte also wissen, ob ein Kind nicht tatsächlich mit dem Fahrrad hingefallen ist, oder vielleicht doch schlimme Schläge erleiden musste? Im Zweifel bleibt ihnen nichts übrig, als den Schilderungen der Eltern zu glauben – ein Dilemma.

Laut Bundeskriminalamt starben In Deutschland 2011 146 Kinder unter 14 Jahren wegen Gewalt oder schlimmer Vernachlässigung. 114 der toten Kinder waren jünger als sechs Jahre.

Netzwerk gegen Missbrauch

In Frankfurt hat man im Universitätsklinikum auf diese Entwicklung reagiert und mit der 2010 gegründeten Kinderschutzambulanz ein interdisziplinäres Netzwerk aufgebaut. „Von der Gynäkologie, Neurologie, der Rechtsabteilung bis zur Dermatologie nutzen wir alle im Klinikum vorhandenen Ressourcen“, sagt Kinderarzt und Projektkoordinator Marco Bartels. Falls bei der Aufnahme von Knochenbrüchen, Verbrennungen oder Blutergüssen ein Verdacht entsteht, setzt sich ein ganzer Apparat in Gang: Fachärzte bewerten und analysieren gemeinsam Befunde und Protokolle. Erhärtet sich der Anfangsverdacht, dass das Wohl des Kindes in Gefahr ist, werden soziale Einrichtungen, meist das Jugendamt aber auch die Familienhilfe, Polizei und Jugendrichter ins Boot geholt. „Das Leben dieser Kinder hört schließlich nicht auf, wenn sie den Schutz der Klinik verlassen“, sagt Bartels.

Wo niedergelassene Ärzte befangen seien oder ihnen schlicht die Zeit fehlt, schauen die Mediziner der Kinderschutzambulanz genau hin. Dabei können auch bereits bestehende Verdachtsmomente entschärft werden.

Fälle von Kindesmissbrauch gestiegen

Lesen Sie auch:

Kinder im Nordend angesprochen: Wer ist der Perverse?

Es besteht kein Zweifel, dass die Kinderschutzambulanz gebraucht wird. Das belegt die Statistik: Die Zahl der dort bearbeiteten Fälle von Kindesmissbrauch ist von 19 Fällen im Jahr 2010 auf insgesamt 122 im Jahr 2012 gestiegen. Dazu kommt die telefonische Beratung und Vermittlung. Im Durchschnitt haben es die Kinderschutzärzte mit zwei Fällen in der Woche zu tun.

Doch die Arbeit der Kinderschutzambulanz steht auf wackeligen Beinen – das Geld fehlt. „Ich weiß nicht, wie lange wir unser Angebot noch halten können“, sagt Bartels. Doch in diesem Punkt seien die Frankfurter Kinderärzte machtlos, denn an der finanziellen Situation könne nur die Politik etwas ändern.

Kommentare