Kindesmissbrauch: Wenn Mama die Böse ist

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Udo Gann hat vier Selbsthilfegruppen für Menschen gegründet, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden. Er hat seine Erlebnisse mittlerweile verarbeitet.

Region Rhein-Main - Die meisten assoziieren ihre Mutter mit dem Bild einer Heiligen. Dass sich aber auch Frauen an Kindern vergehen, ist immer noch ein großes Tabuthema. Der Verein „Männerthemen“ schenkt mit seinen vier Selbsthilfegruppen diesen Opfern ein offenes Ohr. Von Dirk Beutel

Achim Reinhardt (Name von der Redaktion geändert) hat fast zwanzig Jahre seine Erlebnisse unter seinem Bewusstsein versenkt. Drogen und Alkohol halfen bei der Verdrängungsstrategie. „Mitte der neunziger Jahre habe ich sozusagen noch eine Schicht Zement draufgepackt. Aber es hat dann nur weitere 15 Jahre gehalten.“ Dann kam 2010 ein Arbeitsunfall, der das Leben des 56-Jährigen knallhart auf den Boden der Tatsachen holte. Der Körper schmerzte, die Seele begann zu brennen. Schlagartig durchlebt er in einem Flashback, einer plötzlichen Erinnerung, was ihm mit 14 Jahren angetan wurde. Noch heute leidet Reinhardt unter den Flashbacks, die immer plötzlich auftauchen und ihn den Missbrauch an ihm neu durchleben lassen.

Udo Gann erklärt: „Wir nennen das triggern. Ein Trigger ist eine Art Schlüsselreiz, der aus den schrecklichen Erlebnissen aus der Kindheit stammen kann. Das kann ein Geruch, eine Geste oder ein Pfeifen sein. Man verliert praktisch den Boden unter den Füßen.“ Der 57-Jährige ist einer der Gründungsmitglieder des Vereins „Männerthemen“, der mittlerweile vier Selbsthilfegruppen in Offenbach und Frankfurt ins Leben gerufen hat. „Wenn man es nüchtern sieht, haben Mütter unbegrenzten Zugang zu ihren Kindern. Da ist es doch kein Wunder, wenn sie auch zum Täter werden“, sagt Gann. Auch er war ein Opfer seiner Mutter - bis er 13 Jahre alt war, wurden die Übergriffe zu seinem Alltag. Schon als Dreijähriger wurde er von dem Menschen, der ihn am meisten lieben sollte, gezwungen, dessen sexuelle Sehnsüchte zu befriedigen. Wenn er sich weigerte oder es schlecht machte, wurde er geschlagen.

Darüber mit jemandem zu reden, war streng verboten: „Die Angst vor dem Verbot war größter als die Scham“, sagt Gann. Mütterliche Gewalt ist nämlich nicht unbedingt sichtbar, sondern meist subtil. Sie schneidet sich in das Fleisch der Seelen ihrer Opfer.

Schlafengehen nur mit Rasierklinge

Auch Udo Gann hat die Ereignisse aus seiner Kindheit verdrängt. Etwa mit Mitte 40 wird ihm bewusst, was seine Mutter ihm angetan hat. 2001 gründet er gemeinsam mit zwei weiteren Betroffenen eine Selbsthilfegruppe. Dabei hat er seine Schweigemauer durchbrochen. „Nur indem man darüber redet, setzt man die Täter unter Druck.

Achim Reinhardt steht noch am Anfang. Er ist erst seit knapp einem Jahr in einer der Selbsthilfegruppen, die übrigens auch für missbrauchte Frauen offen stehen. Seine Angst vor den Flashbacks ist gewaltig. Vor allem beim Schlafengehen. Deshalb hat er in der Nähe seines Bettes ein Rasierklinge liegen. Nur indem er sich selbst verletzt, kann er sich aus der Gedankenblase befreien. Für ihn sind die Treffen in der Selbsthilfegruppe eine Wohltat. „Bei unseren Sitzungen treffen wir uns auf einer kleinen Insel. Sonst schwimmen wir nur einfach im Meer herum“, sagt er. Denn für die Opfer werde nicht viel getan. Die Krankenkasse zahlen nur eine begrenzte Anzahl von Therapiestunden.

Mit Pädophilie verbindet die Gesellschaft immer noch männliche Täter. Udo Gann, der früher als Lehrer, Ingenieur und Vermögensberater gearbeitet hat, setzt sich heute für Opfer sexueller Gewalt ein und kämpft für ein öffentliches Bewusstsein.

Die Bethe-Stiftung fördert den Verein indem sie für jeden gespendeten Euro einen weiteren dazu gibt. Wer den Verein auch unterstützen oder mehr über die Selbsthilfegruppen erfahren möchte, meldet sich unter folgender E-Mail-Adresse missbrauch@maennerthemen.net oder unter Telefon (0174) 4555862.

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