Alles über künstliche Befruchtung

Tabuthema unerfüllter Kinderwunsch: Viele Paare warten zu lange

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Region Rhein-Main - Ein unerfüllter Kinderwunsch kann eine Beziehung sehr belasten. Dr. Nicole Sänger, Leiterin des Kinderwunschzentrums in Frankfurt, spricht über emotionalen Druck und ab welchem Zeitpunkt ein Paar misstrauisch werden sollte. Von Dirk Beutel

Sieht man sich den demografischen Wandel an, ist Ihre Arbeit auch gesellschaftspolitisch von großem Wert. Wünschen Sie sich nicht noch mehr Unterstützung von Bund und Land?

Es bedarf vor allem an Aufklärungsarbeit, die verstärkt werden muss, weil vielen Frauen nicht bewusst ist, wann es schwierig wird, den Kinderwunsch umzusetzen. Nachdem wir viele Jahre den Fokus auf eine sichere Verhütung für junge Frauen gesetzt haben, sind wir jetzt an einem Gegentrend angekommen. Wir müssen verstärkt kommunizieren: Sichere Verhütung ja, aber den richtigen Zeitpunkt für eine Schwangerschaft nicht aus den Augen verlieren!

Das Thema unerfüllter Kinderwunsch ist noch ein Tabuthema. Warum eigentlich?

Ich glaube, weil viele Paare nicht darüber sprechen und weil der Druck im Umfeld so groß ist. Sei es die Familie, Freunde, Kollegen – irgendwann kommt das Alter, in dem plötzlich viele Leute unkompliziert und spontan schwanger werden. Für viele ist es auch schwierig sich einzugestehen, dass man doch ärztliche Hilfe braucht.

In Deutschland sind etwa 1,2 Millionen Paare ungewollt kinderlos. Sind es im Laufe der Jahre immer mehr Paare geworden?

Nein, aber der Kinderwunsch verschiebt sich zeitlich nach hinten. Ich glaube, dass Probleme entstehen, weil die Familienplanung durch unterschiedliche Gründe, nicht früh genug umgesetzt werden kann. Viele Frauen sind erstaunt, wenn der Frauenarzt fragt, wie es mit dem Kinderwunsch aussieht. Das gefühlte und das tatsächliche Alter der Eizelle liegt oft weit auseinander.

Ab wann sollte ein Paar misstrauisch werden und handeln?

Wenn ein gesundes junges Paar regelmäßig ungeschützten Verkehr innerhalb eines Kalenderjahres hatte und es dabei zu keiner Schwangerschaft gekommen ist, spricht man von Sterilität. Wenn gesundheitlich alles in Ordnung ist, tritt eine Schwangerschaft in der Regel in 80 Prozent aller Fälle ein. Spätestens nach zwei Jahren sollte man sich an seinen Frauenarzt wenden, in höherem Alter schon früher. Die Statistik sagt, dass sich ein betroffenes Paar im Mittel nach 3,7 Jahren an ein Kinderwunschzentrum wendet. Das wird problematisch, wenn die Frau 38 Jahre alt ist und erstmals versucht, schwanger zu werden. Je älter eine Patientin wird und damit ihre Eizellen, umso schwieriger ist es für das Kinderwunschzentrum eine Schwangerschaft zu erzielen.

Woran liegt es am häufigsten, wenn es nicht funktioniert?

Das ist gleichmäßig verteilt. Man kann nicht sagen, dass es mehr am Mann oder der Frau liegt. Und es gibt einen kleinen Prozentsatz von Paaren, die für uns kein objektivierbares Problem haben, wir also keine ursächliche Diagnose für den unerfüllten Kinderwunsch finden, sie aber trotzdem nicht schwanger werden.

Kinderlosigkeit kann eine Beziehung unter Druck setzen. Was kommt dann noch auf ein Paar während der Therapiezeit zu?

Das kann sehr belastend sein. Zum einen durch den unerfüllten Wunsch und damit dem Gefühl des Verlusts, zum anderen, wenn der Verkehr auf eine feste Zeitschiene ausgelegt ist. Je länger diese Phase dauert, desto schwieriger kann es für das Paar werden. Wir versuchen das Paar an dieser Stelle aufzufangen, bieten professionelle Hilfe an. Das oberste Gebot lautet, Dinge offen anzusprechen und beide Partner miteinzubeziehen. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie und erfordert eine gute Arzt-Patient-Beziehung, damit man sich gut aufgehoben fühlt.

Wie wirkt sich die Psyche auf den Kinderwunsch aus?

Das ist schwer zu sagen, denn es entstehen auch Schwangerschaften in psychisch schwierigen Situationen. Es entlastet oft die Patientin, wenn der unerfüllte Kinderwunsch schwer wiegt, im Rahmen der Therapie die „Verantwortung“ für das Eintreten der Schwangerschaft in die Hand des Arztes zu legen.

Wie viele Paare waren seit Ihrer Leitung in Behandlung und wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?

Mehr als 1000 Paare. Wie wahrscheinlich der Erfolg ist, hängt von der angewandten Methodik ab, und liegt je nachdem zwischen 30 und 40 Prozent. Wobei die Erfolgsquote im natürlichen Zyklus bei etwa 25 und 35 Prozent liegt.

Mit welchen Schwierigkeiten muss ein Paar rechnen?

Die Risiken sind nahezu identisch mit einer Schwangerschaft, die auf natürlichem Weg entstanden ist. Nach der Befruchtung kann es sein, dass der Embryo sich nicht in der Gebärmutterschleimhaut einnistet. Das passiert auch auf dem herkömmlichen Weg, oft bemerken Frauen das allerdings nicht. Wenn sich der Embryo einnistet, gibt es wie bei einer spontan entstandenen Schwangerschaft ein bestimmtes Risiko, dass es noch zu einer Fehlgeburt kommen kann, vor allem innerhalb der ersten zwölf Wochen.

Gibt es Auffälligkeiten bei Kindern, die durch eine künstliche Befruchtung geboren werden?

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass das Geburtsgewicht etwa nach Auftauzyklen etwas schwerer sein kann, als bei Kindern, die spontan gezeugt worden sind. Studien belegen auch, dass das Fehlbildungsrisiko potentiell erhöht sein kann, allerdings nicht aufgrund der Therapie. Die absoluten Zahlen sind allerdings sehr gering.

Wann sollte ein Paar mit der künstlichen Befruchtung aufhören?

Das sind individuelle Zeitgrenzen, die im Verlauf einer Therapie entstehen. Ist das Eintreten einer Schwangerschaft sehr unwahrscheinlich und der unerfüllte Kinderwunsch zu belastend, muss man mit dem Paar offen darüber sprechen. Offenheit schulden wir jedem Patienten ebenso wie das Aufzeigen von Alternativen – wie die Adoption.

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Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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