Claudia Langanki im Interview

Kinder spüren, wenn sie sterben

+
Claudia Langanki steht vor einem Bild, was ihr am Herzen liegt. Die fünfjährige Lara wollte unbedingt Prinzessin sein. Bevor sie starb, malte sie sich als Prinzessin.

„Ihr Kind ist todkrank und wird bald sterben." Für Eltern ist das wohl die schlimmste Nachricht. Claudia Langanki leitet das Kinderhospiz Bärenherz in Wiesbaden. Sie sieht Kinder oft sterben. Von Silke Gottaut

Merken Kinder, dass sie sterben?

Verabschieden tun sich Kinder auf ihre Art, je nachdem wie alt sie sind. Ein kleiner Junge wünschte sich sehnlichst, dass seine Großeltern aus dem Iran kommen. Er sagte nicht, mir geht’s schlecht, sie sollen kommen, sondern er spürte das es jetzt Zeit war die Großeltern kommen zu lassen. Kurz vor seinem Tod drückte er noch einmal ganz fest die Hand seines Vaters und starb in den Armen der Mutter. Wenn Eltern heimfahren und sagen, ich möchte da sein, wenn mein Kind stirbt, dann sage ich: Sagen sie es ihm, dann wird es nicht sterben, wenn sie nicht da sind. Kinder spüren und fühlen das. Sie geben Zeichen. Sie reden in Symbolsprache, nicht in intellektueller Sprache.

Wie sieht es bei Kleinkindern aus?

Je kleiner die Kinder sind, desto symbolischer sind die Zeichen und Gesten. Ein Säugling, der nur zweieinhalb Stunden gelebt hat, machte kurz vor seinem Tod ganz weit die Augen auf, was er vorher nicht konnte. Er schaute seine Eltern noch einmal intensiv an und schloss sie dann – für immer. Ein Kleinkind, welches wegen einer schweren Entzündung kaum noch Gehirn hatte, konnte mental nichts umsetzen. In seinen letzten Minuten hat es auf erstaunliche Weise mit einem Lächeln reagiert. Diese Momente sind enorm wichtig für Eltern. Ich sage ihnen dann: Das war der Abschied für dich.

Zur Info: 
Leiterin Claudia Langanki arbeitet seit fast sieben Jahren im Kinderhospiz Bärenherz in Wiesbaden. Das Hospiz finanziert sich zum größten Teil über Spenden. Wer spenden möchte: Wiesbadener Volksbank, Kontonummer 70700, BLZ 51090000.

Wie gehen Kinder mit dem Tod um?

Je älter die Kinder sind, je eher können sie reflektieren und Fragen stellen. Eigentlich wissen alle, was mit ihnen passiert. Sie spüren und sie hören es. Wenn ein Kind fragt, wann sterbe ich, dann kann ich die Frage nicht beantworten. Ich gebe die Frage zurück und frage: Was denkst du denn? Was für ein Gefühl hast du? Wie begrenzt die Zeit auch sein mag, wir schmieden Pläne und setzen um, was irgendwie geht. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt, ich glaube ich lebe noch zwei Wochen, dann dürfen wir nicht sagen, nur noch zwei Wochen, sondern: Wir haben noch 14 Tage! Jetzt haben wir die Zeit. Du sagst uns, was du möchtest. Ein 16-jähriges Mädchen hatte den Traum in das Musical „Tanz der Vampire“ zu gehen. Ihr ging es sehr schlecht, aber wir haben ihr den Wunsch erfüllt. Wir setzen Träume und Wünsche um, so lange es geht.

Welche Kinder können zu Ihnen kommen und was wird diesen noch ermöglicht?

Die meisten Kinder sind so schwer erkrankt, dass sie nicht mehr viel machen können und fast nur noch im Bett liegen. Wir sagen immer: Die Kinder können die Welt nicht erfahren wie wir, wir wollen ihnen aber ein Stück Welt hintragen. Deshalb bieten wir alles an, was dem Kind gut tut und was ihm Freude macht. Wenn es geht, dann versuchen wir ihnen alle Wünsche zu erfüllen, die sie noch haben und erleben wollen. Kinder können als Neugeborene und bis zu 18 Jahren zu uns kommen. In Ausnahmesituationen nehmen wir auch ältere junge Menschen auf, wenn deren Wesen aufgrund einer schweren Behinderung kindlich geblieben ist.

Wie sieht der Alltag im Kinderhospiz Bärenherz aus?

Es kann ein ganz normaler Alltag sein, wie er in der Familie zu Hause auch gelebt wird. Die Kinder werden nicht geweckt, sie schlafen so lange wie sie Schlaf brauchen. Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Kinder. Anschließend stehen über den Tag verteilt gemeinsame Mahlzeiten sowie therapeutische, kreative und pädagogische Angebote und Spaziergänge auf dem Programm. Zudem haben wir den Therapiehund Emma. Nachmittags können die Kinder, sofern sie können, in den Kreativraum, sich im Snoezelraum entspannen und bekommen natürlich Besuch. Das Kind soll so viel Normalität wie möglich in seiner begrenzten Zeit erleben. Eltern können, wenn sie wollen, bei uns im Hospiz in einem Apartment wohnen oder direkt bei ihrem Kind im Zimmer.

Wenn ein Kind gestorben ist, wie geht es dann weiter?

Nach dem Tod betreuen wir die Eltern weiter. Es gibt eine große Abschiedsfeier, das Angebot einer Sargbemalung und ein Stein mit dem Namen des Kinders wird beschriftet. Diesen legen die Eltern in unseren Erinnerungsgarten. Dort hat jedes Kind seinen eigenen Stein. Es ist das letzte Ritual hier im Hospiz. Ich schreibe eine Rede für das verstorbene Kind, in der es um sein Leben geht und in dem auch witzige und fröhliche Passagen vorkommen dürfen. Die Eltern müssen nicht gleich ausziehen, sie können erst einmal bei uns wohnen bleiben. Sie können jederzeit wiederkommen. Bei uns gibt es unter anderem einen monatlichen Familenbrunch, Trauerkreis, Geschwistertreff und einen Erinnerungstag.

Was für Hilfe bekommen Betroffene?

Wir begleiten die Eltern/Familie in einer außergewöhnlichen Lebenssituation, die die Schlimmste ist, die Eltern widerfahren kann. Wir begleiten von der Diagnose bis über den Tod hinaus und begleiten neben dem erkrankten Kind, deren Eltern, Geschwister, Großeltern sowie Freunde und Verwandte. Wir sind für sie da, unterstützen sie, wir zeigen ihnen Wege, trösten und sprechen viel miteinander. Wir sind Wegbegleiter auf den einzelnen Stationen der Trauer. Wir sagen nicht, wie der Weg der Trauer aussehen soll, sondern wir zeigen verschiedene Möglichkeiten, diesen Weg zu gehen. Die Trauer können wir den Eltern nicht nehmen, wir können ihnen aber helfen, mit der Trauer besser leben zu können.

Wie kommen Sie damit zurecht, Kinder sterben zu sehen?

Ich schaffe es gut, damit umzugehen. Ich kann nicht sagen, dass ich nichts mit nach Hause nehme, aber es belastet mich nicht. Es bleiben oft bestimmte Bilder, die mich bewegen. Die Arbeit stärkt mich, ich gebe viel, aber ich bekomme ganz viel zurück. Ich lerne bei dieser Arbeit hinzu und ich bin dankbar, dass ich sie machen kann und darf. Bei aller Traurigkeit schenkt sie auch viel, sie zieht mich nicht runter, sondern macht mich dankbar für menschliche Begegnungen, die uns reifer werden lassen.

Am Montag ist Tag der Kinderhospizarbeit. Auf was genau soll der Tag aufmerksam machen?

Wir wollen das Thema „Tod von Kindern“ in die Öffentlichkeit tragen. Wir wollen die Angst im Umgang damit nehmen, denn für Eltern und Geschwister ist es schlimm genug, dass sie mit dieser Realität leben müssen. Es ist aber für alle leichter, wenn wir auch im öffentlichen Leben dieses Thema nicht tabuisieren. Wir lassen zusammen um zwölf Uhr grüne Luftballons steigen, denn das ist die Farbe der Kinderhospizarbeit.

Kommentare