Essstörungs-Patienten sind immer jünger 

Magersucht-Wahnsinn:  Kinder hungern immer früher

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Region Rhein-Main – Der Schlankheitswahn hat eine neue Dimension erreicht. Mittlerweile werden sogar Kinder magersüchtig und hungern sich in Todesnähe. Und es werden mehr... Von Christian Reinartz.

Mit vier hatte Lisa noch etwas Babyspeck. Mit fünf trichterte ihr die Mutter ein: „Keine Süßigkeiten, die machen fett.“ Mit acht ist kein Speck mehr da. Auch der gesunde. Der, den ein Kind braucht, um sich richtig zu entwickeln. Mit zehn ist Lisa nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie wiegt bei 1,40 Meter Größe 28 Kilogramm. Ihre Mutter will sie mittlerweile am liebsten mit Süßigkeiten vollstopfen. Doch das zu reparieren, was sie bei Lisa mit ihrem Schlankheitswahn in der Kindheit angerichtet hat, ist schwierig. Lisa ist magersüchtig. Und mit ihr immer mehr Kinder.

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Das kommt immer häufiger vor“, sagt Andrea Reitz. Sie ist Sozialarbeiterin beim Frankfurter Zentrum für Essstörungen. Zwar seien die meisten Fälle immer noch mit einsetzen der Pubertät im Alter von 13 oder 14 Jahren zu beobachten. „Aber die Tendenz ist eindeutig. Die Betroffenen werden immer jünger.“

Eigentlich gingen die Fachleute ursprünglich davon aus, dass eine Störung wie die Magersucht (auch Anorexie genannt) erst mit Eintreten der Geschlechtsreife, also der Pubertät einsetzt. Erst dann werden Kinder ja ihres eigenen Körpers und dessen Wirkung auf das Umfeld gewahr“, sagt Reitz. Doch offenbar fallen mittlerweile auch jüngere dem Druck zum Opfer, der in der Öffentlichkeit herrscht. „Wenn dieser Hang zum Schlanksein auch in der Familie eine hohe Priorität hat, dann kann dies die Entwicklung einer Magersucht begünstigen.“ Damit sich die Störung aber wirklich zeigt, brauche es noch mehr Faktoren. „Denn wenn ein Kind von anderer Seite Unterstützung erfährt, dann kann dieses falsche Bild, das einem eingeimpft wird, ausgeglichen werden“, erklärt Reitz.

Frühe Erkrankung kann später chronisch werden

Die Beratungs-Hotline des Frankfurter Zentrums für Essstörungen ist unter S (069) 550176 zu erreichen. Auf www.essstoerungen-frankfurt.de ist zudem die beratung über einen Chat oder per Mail möglich. Weitere Informationen und eine ausführliche Liste mit Symptomen der Magersucht gibt es auf www.bzga-essstoerungen.de. Richtiger Ansprechpartner in in seinem solchen Fall auch immer der Hausarzt.

Ist ein Kind erstmal erkrankt, ist schnelle Hilfe nötig. Professorin Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes und Jugendalters der Uniklinik Frankfurt warnt: „Sehr früh auftretende Anorexie-Erkrankungen im Alter von zehn bis 13 Jahren sind in der Regel sehr schwerwiegend und neigen bei zu später Behandlung sehr stark zu einer Chronifizierung.“ Grundsätzlich sei bei jeder neu auftretenden Anorexie im Kindes- und Jugendalter schnelle Hilfe sehr wichtig. Die Prognose ist bei einer frühen und effektiven Behandlung, die auch ein entsprechend hohes Zielgewicht berücksichtigt, sehr viel besser als bei chronischen Verlaufsformen.

Magersucht hemmt Entwicklung

Doch noch etwas zweites macht die Magersucht gerade bei Kindern vor der Pubertät so gefährlich. Sie wirkt sich auf die Entwicklung aus. „Bei Mädchen bleibt durch sekundäre Hormonveränderungen die erste Regel aus“, erklärt die Spezialistin.

Auch bei Jungen sei die Ausschüttung von Geschlechtshormonen reduziert. Beide Geschlechter zeigten zudem einen Wachstumsstillstand. „Wenn dieser lange anhält, bleiben die Jugendlichen kleiner als die erwartete Größe“, sagt Freitag. Längerfristige Folgen sei eine erhöhte Osteoporose-Gefahr. „Daneben kann es bei sehr starkem Untergewicht und falscher Gewichtszunahme auch zu weiteren, teilweise schwerwiegenden Komplikationen bis hin zum Tod kommen.“

Je früher bei Eltern deshalb die Alarmglocken schrillen, desto besser, weiß Sigrid Borse, Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen: „Ständiges Wiegen und sich zu dick fühlen kann ein Anzeichen sein.“ Dazu könnten Rituale beim Essen kommen. Manche Betroffene würden vieles im Stehen erledigen, sich Kälte aussetzen, exzessiv Sport treiben und Rückzugsverhalten zeigen. „In diesem Fall sollten sich Eltern Hilfe und Beratung suchen.“

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