Im Interview über über Trends, Image und Cola im Stöffsche

Kelterer Martin Heil: „Bembel im Club wäre schräg“

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Ein Mann für alle Äpfel: Kelterer Martin Heil.

Region Rhein-Main - Goldgelb, klar, spritzig: Das hessische Nationalgetränk ist und bleibt der Apfelwein. Martin Heil, Geschäftsführer der Kelterei Heil, spricht über Trends, Image und Cola im Stöffsche. Von Dirk Beutel

Gerade bei Jüngeren wird mit dem Apfelwein oftmals immer noch ein biederes Hessenidyll verbunden. Ist der Apfelwein bei Jugendlichen ein Nischengetränk?

In Deutschland vielleicht, aber in Hessen auf gar keinen Fall. Schon gar nicht in Frankfurt. Dort finden Sie in jedem Getränkemarkt bis zu 15 verschiedene Sorten.

Braucht der Apfelwein überhaupt noch einen Imagewechsel?

Dieses alte Image ist längst weg, weil auch die Kunden anders sind. Ich erinnere mich an früher, da gab es den Henninger-Trinker und den Binding-Trinker, was anderes haben die nicht angefasst. So war es auch beim Apfelwein. Heute wollen die Kunden viel mehr Vielfalt. Aber es bleibt beim Kult. Selbst junge Leute ziehen sich T-Shirts mit dem Bembel drauf an. Das ist ein Stück Identifikation.

Was hat sich denn mit dem Wechsel getan?

Heutzutage gibt es viel mehr Produkte. Da herrscht eine unglaubliche Dynamik. Früher hat es 30 Jahre gedauert, bis einer hergegangen ist und einen naturtrüben Apfelwein gemacht hat. Zehn Jahre später kam mal einer auf die Idee, einen fertig Sauergespritzen herzustellen. Aber komischerweise ist es erst in den letzten Jahren zu dieser wahren Produktexplosion gekommen.

Und warum ist dann Äppler mit Cola immer noch so verpönt?

Das sind die Traditionalisten. Aber ob die ihren Apfelwein immer pur trinken, weiß ich nicht. Es ist schon komisch, dass Cola mit Bier in Ordnung geht, mit Apfelwein bekommst du die Rübe abgemacht. Aber es ist gut so, dass der Apfelwein polarisiert. Unsere Kelterei steht hinter solchen Mischprodukten, und die Verkaufszahlen geben uns Recht. Zumal es den Süßgespritzen oder den Mix mit Cola schon vorher gegeben hat, bevor die Brauereien damit angefangen haben. Da waren die Kelterer vielleicht etwas doof, dass wir das nicht lauter kommuniziert haben. Ganz anders die Bier-Brauereien wie Henninger, die das Radler erfunden haben. Wenn wir aber einen Süßgespritzen angeboten haben, hieß es noch „Seid ihr denn verrückt geworden?“ Wir haben uns mit dem Produkt nicht so heraus getraut.

Aber wird mit solchen Mischgetränken nicht auch ein Stück Kultur verwässert?

Da funktionieren verschiedene Welten nebeneinander. In einer Apfelweinkneipe erwarte ich keine trendigen Produkte. Da gehören sie auch nicht hinein. Und in einem Club wäre es etwas schräg, mit einem Bembel umherzulaufen. Aber auch dort etabliert sich der Apfelwein. Dort will der Kunde einen fertig gemixten Apfelwein aus der Longneckflasche. Und er muss sich gefällig trinken lassen. Der Geschmack soll milder sein, nicht so sauer.

Welche sind die prägendsten Veränderungen in der Apfelwein-Produktpalette?

Unsere Kelterei hat mit dem alkoholfreien Apfelwein angefangen. Auch da wurden wir belächelt, obwohl alkoholfrei beim Bier längst salonfähig war. Wir wurden ausgelacht, aber das Produkt hat eingeschlagen und ist einer unserer wichtigsten Umsatzfaktoren. Dann der Rose der Kelterei Höhl, das Dosenangebot der Familie Possmann ist ebenfalls nicht zu verachten und aktuell die 0,33 Liter-Flasche. Die gab es vorher ja überhaupt nicht. Heute ist der Süßgespritzte fertig zum Trinken gar nicht mehr wegzudenken.

Neues Selbstbewusstsein, breiteres Angebot, merkt man das auch an den Absatzzahlen?

Dank der breiteren Produktpalette können wir unseren Umsatz halten. Wir müssen akzeptieren, dass generell in der Gesellschaft weniger Alkohol getrunken wird. Beim Bier wird der Konsum wohl bald unter die magische 100 Liter pro Kopf-Marke gesunken sein. Wir haben nicht diese Entwicklung und denken, dass Apfelwein als gesunde Alternative erkannt wird.

Sie kommen gerade aus den Jahresgesprächen. Können Sie schon etwas Neues für 2014 verraten?

Wir haben vor drei Jahren einen Bio-Cidre herausgebracht. Echter Cidre muss nämlich nicht aus Frankreich kommen. Dieses Angebot erweitern wir mit einer Gold-Variante, die mit einem Schuss Birne versehen ist.

Wie wichtig sind die kleinen Kelterfeste von kleinen Vereinen, bei denen Kinder und ihre Eltern beim Keltern zuschauen und mitmachen können?

Das ist schon wichtig. Viele sind immer noch erstaunt darüber, dass Apfelwein tatsächlich ein reines Naturprodukt ist. Sie sollen beobachten. Dass es so etwas wie eine Maische gibt und dass sie gar nicht so schön anzusehen ist. Die Milch kommt eben nicht aus dem Supermarkt. Es ist ja ein Geschenk, dass wir in Hessen noch etwa 45 Keltereien haben, eine für jede Ecke in Hessen. Das sieht bei den Brauereien längst ganz anders aus. Es ist gut so, dass der Apfelwein nicht uniformiert daherkommt sondern, dass jeder anders schmeckt. Unser Vater hat uns immer gepredigt, dass wir einen milden Apfelwein herstellen sollen, so haben wir dann auch unseren Platz im Markt gefunden.

Was wäre wohl passiert, wenn die Europäische Union 2007 durchgesetzt hätte, dass sich der Apfelwein nicht mehr Wein nennen dürfe?

Das mag ich mir gar nicht vorstellen. Es wurde ja deutlich abgeschmettert. Wir hätten uns eben einen anderen Namen ausdenken müssen. Vermutlich irgendwas in die Richtung Cidre.

Was schmeckt denn am besten zum Apfelwein?

Ich mag am liebsten dazu Wiener Schnitzel, Bratkartoffeln und Grüne Soße. Aber wieso nicht auch zu einer Pizza oder einem leckeren Filet? Apfelwein nur zu Rippchen und Kraut ist längst vorbei, zum Glück.

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