Hartz-IV-Bezieherin steht alleine da

Kasse zahlt nicht, Arzt lehnt Raten ab: Keine Vorsorge für Glaukom-Patientin

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Vor allem beim Lesen hat sie schon Probleme mit dem Sehen: Andrea Homann leidet an einem Normaldruck-Glaukom. Die Kosten einer freiwilligen Kontrolluntersuchung ist für sie nicht auf einmal bezahlbar. Eine Ratenzahlung lehnt ihr Augenarzt ab.

Region Rhein-Main - Andrea Homann leidet an einem Normaldruck-Glaukom. Die Messung ihrer Hornhautstärke und das Prüfen ihres Sehnervs kosten 115 Euro. Zu viel für die Hartz-IV-Bezieherin. Doch eine Ratenzahlung lehnt der Augenarzt ab. Von Dirk Beutel

„Irgendwann bin ich wohl blind“, sagt Andrea Homann frustriert. Vor etwa fünf Jahren wurde bei der 49-Jährigen ein Normaldruck-Glaukom diagnostiziert. Die Zellen des Sehnervs sterben nach und nach ab, ohne erhöhten Augeninnendruck. Mit der Zeit wird sich das Sichtfeld der Frau immer weiter einschränken. Seither träufelt sich Homann zweimal am Tag Tropfen in die Augen: „Die sollen helfen, den momentanen Zustand zu erhalten“, sagt sie. Um auf Nummer sicher zu gehen, wollte sie sich ihre Hornhaut-Stärke und den Sehnerv vorsorglich von ihrem Augenarzt untersuchen lassen. Dabei handelt es sich um eine individuelle Gesundheitsleistungen, die privat zu zahlen ist. Eine sogenannte IGe-Leistung. Kosten: 115 Euro. Zuviel für die Hartz IV-Bezieherin auf einmal. Sie bat daher um Ratenzahlung. „Das wurde aber von den Mitarbeitern des Augenarztes abgelehnt“, sagt Homann, die sich seither alleine gelassen fühlt.

Praxis verweigert Ratenzahlung

Georg Eckert, Sprecher des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands: „Ein Normaldruck-Glaukom ist heimtückisch, da der Patient keine Beschwerden verspürt. So eine Voruntersuchung ist absolut sinnvoll, da sie molekulare Veränderungen, etwa am Sehnerv erkennen kann. Dadurch kann man dem Patienten jahrelange Augentropferei ersparen“, sagt Eckert. Dass der behandelnde Augenarzt eine Ratenzahlung verweigerte, kann er sich vorstellen: „Die Untersuchungsgeräte sind sündhaft teuer. Das wollen sich die Ärzte auch bezahlen lassen.“ Das bestätigt Hermann Stahmer, Sprecher der Hanseatischen Krankenkasse, bei der Andrea Homann Mitglied ist: „Da kommt der Kaufmann im Arzt hervor. Viele sehen es nicht als ihre Aufgabe an, dem Geld ihrer Patienten hinterherzulaufen – das ist gängige Praxis.“ Als der EXTRA TIPP bei der betroffenen Augenarztpraxis nachfragt, heißt es: „Wir haben mit Ratenzahlungen im Allgemeinen schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt eine Mitarbeiterin auf Nachfrage. Auch wenn die Untersuchung sinnvoll sei, handele es sich schließlich um eine freiwillige Leistung, die man dann in Anspruch nehmen könne, wenn man das Geld zusammen habe.

Arzt muss Notwendigkeit überprüfen

Aber: „Es besteht jedoch keinerlei Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass die Patientin Hartz-IV-Empfängerin ist und der Weigerung der Krankenkasse, die Kosten zu tragen. Das ausschlaggebende Kriterium ist die Frage, ob eine Leistung zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gehört – dann werden die Kosten übernommen, egal ob für Angestellte, Arbeitslose oder Hartz-IV-Empfänger“, sagt Karl Matthias Roth, Sprecher der Kassenärztliche Vereinigung Hessen. Nachdem der EXTRA TIPP die Hanseatische Krankenkasse damit konfrontiert, prüft sie den Fall. Stahmer: „Die Entscheidung liegt letzten Endes beim Arzt, ob eine Untersuchung grundsätzlich medizinisch notwendig ist. Wenn dem so ist, wird die Kasse den entsprechenden Betrag abrechnen.“

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