Kein Scherz: Diese Frau kann tatsächlich Farben hören

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Sie sieht die Welt in Farben: Ruth Regehly ist Synästhetikerin.

Offenbach – Ihre Welt ist bunter als die der meisten. Ruth Regehly ist Synästhetikerin. Töne und Buchstaben sieht sie vor ihrem inneren Auge farbig. Von Dirk Beutel

Für Ruth Regehly ist jedes A dunkelblau. Das E ist gelb. Einen dumpfen Kopfschmerz nimmt sie als ein waberndes Farbgemisch aus blau, grau und braun wahr. Ruth Regehly ist Synästhetikerin. Bei etwa fünf von 100 Menschen auf der Welt sind die Wahrnehmungen anders gekoppelt. Bisher wurden 63 verschiedene Varianten dieser farbenfrohen Sinneswahrnehmung festgestellt. Die Dunkelziffer ist weitaus höher, da viele Betroffene ihre Synästhesie verleugnen, oder sich dafür sogar genieren.

Ruth Regehly ist nicht so ein Fall. Im Gegenteil. Sie möchte mehr über ihre besondere Form der Wahrnehmung herausfinden, die oftmals in Verbindung mit Hochbegabung oder Hochsensibilität auftritt. „Die wahre Ursache dafür ist noch nicht bekannt“, sagt Regehly. Nur eins ist sicher. Jeder Betroffene besitzt seine eigene Form der Synästhesie: „Wenn für mich die Zahl drei rosa ist, sieht ein andere sie vielleicht als dunkelgelb“, sagt Regehly.

Synästhesie ist keine Krankheit, sondern das Ergebnis einer besonderen Vernetzungsform im Gehirn. Manche Synästhetiker können Buchstaben fühlen oder Worte schmecken. Andere können Töne in bunten Farben sehen. So auch Ruth Regehly. Die Stimmpädagogin hat ihre Synästhesie im Kindergartenalter festgestellt, als sie Buntstifte sortierte. Nicht nach Farben, sondern nach Gefühl. Gelbe und rote Stifte hatten Durst, also setzte sie einen blauen dazu, löste damit die „unerträgliche Spannung, die durch den Durst entstanden ist“.

Auch Klänge verarbeitet sie visuell

Mit zunehmendem Alter wurde diese parallele Reizverarbeitung intensiver. Buchstaben, vor allem Vokale, sieht Regehly in Farben. Auch Klänge verarbeitet sie visuell. Allerdings funktioniert ihre Form der Synasthesie nicht im umgedrehten Fall. Soll heißen: Ein E sei für sie zwar gelb, aber wenn die Offenbacherin an einer Wiese entlang läuft und einen Löwenzahn entdeckt, sieht sie kein E.

Ausgegrenzt hat sich die heute 50-Jährige deswegen nie gefühlt. Aber manchmal nicht richtig verstanden, wenn sie zum Beispiel beschreiben sollte, wie ihr ein Musikstück oder ein Text gefallen habe. „Denn es kann sein, dass die Farben, die ich dabei sehe, mir nicht gefallen. Das kann sogar ein körperliches Missgefühl in mir auslösen und beeinflussen, ob mir ein Stück gefällt oder nicht.“

Trotzdem versteht die Offenbacherin ihre Form der Wahrnehmung als eine besondere Bereicherung: „Es gibt Momente, da kommt mir meine Synästhesie zugute. Manchmal steht sie mir auch im Weg“, sagt die Mutter dreier Kinder. Beruflich hat sie durchaus Verwendung für ihre besondere Form der Reizwahrnehmung. Als Stimmpädagogin des Lichtenberger Institutes für angewandte Stimmphysiologie kann sie ihren Schülern gezielter helfen sich zu entwickeln.

Ich fände es schade, dass viele ihre Begabung verstecken. Statt dessen sollte man neugierig sein, um vielleicht herauszufinden, wofür Synästhesie gut sein kann“. Zu diesem Zweck plant Ruth Regehly einen Gesprächskreis für Synästhesisten ins Leben zu rufen. Interessenten können sich per Mail melden unter: offenbacher-synaesthesiegespraeche@gmx.de

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