Wegen vier Euro am Tag: Dieburger bettelt um Umschulung

Mit kaputtem Rücken Glastüren heben

+
Michael Müßig studiert die Behördenschreiben.

Dieburg – Die Bandscheibe ist im Eimer, da führt kein Weg dran vorbei. „Und das wird sich mein Leben lang nicht wesentlich verbessern“, seufzt Michael Müßig aus Dieburg. Dieses Leiden hat ihn einst seinen Job als Fachkraft für Lagerlogistik gekostet. Sein Arzt bestätigt ihm seine Einschränkung. „Heben, knien, schwere Sachen tragen – das alles geht leider nicht mehr“, sagt Müßig. Was den 38-Jährigen aufregt: Immer wieder bekam er von der Agentur für Arbeit Jobangebote in der Logistik.

„Bei einem Angebot hätte ich Glastüren einpacken sollen“, erzählt Müßig. Bei zwei, drei anderen Jobs sei es ähnlich gewesen. Dabei habe er selbst versucht, angesichts seines Leidens niemandem auf der Tasche zu liegen.

Wer angesichts der offenen Haarpracht an einen Fan von Rockmusik denkt, liegt bei dem Dieburger übrigens richtig: Nachdem er wegen des Bandscheibenvorfalls vor fast vier Jahren seinen Job nicht mehr ausüben konnte, gründete er seine Musik- und Booking-Agentur M.V.T. Concerts. Die Förderung für Selbstständige wurde dabei von Beginn an auf das Arbeitslosengeld I angerechnet, sagt Müßig. „Doch ich wollte das nicht ausnutzen, sondern gleich wieder angreifen und arbeiten.“ Neben unzähligen Arbeitsstunden steckte Müßig auch viel Geld in sein kleines Unternehmen, brauchte die Abfindung seines letzten Arbeitgebers auf. Der Ertrag aus M.V.T. Concerts blieb indes gering. Vom Verdienst sei „jeder Cent“ verrechnet worden, bis auf 100 Euro, die er habe hinzuverdienen dürfen. „Und dann musst ich mir vom Amt anhören, dass ich Rücklagen bilden solle“, regt sich der 38-Jährige noch heute auf.

Sein Ziel: „Ich will dem Steuerzahler nicht mehr auf der Tasche liegen.“ Wegen nur weniger hundert Euro Umsatz durch M.V.T. Concerts ist Müßig noch auf das Arbeitslosengeld II angewiesen.

Sein Wunsch: Eine Umschulung zum Veranstaltungskaufmann von der Deutschen Rentenversicherung finanziert zu bekommen. „Da könnte ich mich entsprechend qualifizieren und Kontakte knüpfen, damit mich mein Geschäft ernähren kann“, hofft Müßig. Oder aber er hätte Chancen, sich bei Agenturen zu bewerben. „Ich will durch die Umschulung in Lohn und Brot kommen, die will man mir aber nicht mehr finanzieren.“ Per Bescheid teilte ihm die Deutsche Rentenversicherung mit, man könne „den Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben nicht entsprechen.“

Müßig hat Widerspruch eingelegt: „Bei M.V.T. handelt es sich doch nur um ein Nebengewerbe, außerdem kann ich in meinem alten Job nicht mehr arbeiten.“ So bleibt es zunächst, wie es ist: „Ich rauche meine Kippen zweimal, kann nicht weggehen und esse Obst und Gemüse nur am Anfang des Monats“, sagt der Dieburger frustriert. Nach Strom, Nebenkosten und Wohnung bleiben ihm noch 130 Euro, etwa vier Euro am Tag. Davon ernährt er noch Hund Buster: „Den habe ich vor dem Tierheim gerettet“, sagt der Mann mit großem Herz, kleinem Budget und wenig Hoffnung. jd

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare